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Palmyra : Der Kulturvandalismus der Islamisten

Islamisten legen Sprengstoff im inzwischen zerstörten 2000 Jahre alten Baal-Schamin-Tempel im syrischen Palmyra. Bild: AP

Der „Islamische Staat“ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.

          3 Min.

          Die Liste der vom „Islamischen Staat“ begangenen Zerstörungen wird immer länger: Sie beginnt im Irak mit dem Museum und der Stadtmauer von Mossul, setzt sich in Nimrud und Hatra fort und hat nun im syrischen Palmyra einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Neben vorislamischen antiken Stätten machen die Barbaren des 21. Jahrhunderts Moscheen und Grabmäler dem Erdboden gleich, Kirchen und Klöster. Mit diesem Kulturvandalismus und der Orgie der Gewalt will uns der IS provozieren, uns unsere Ohnmacht vor Augen führen und zeigen, wer in der Levante das Schwert führt.

          Doch der Terror hat mit dem primitiven dualistischen Weltbild des IS auch eine theologische Dimension. Die Ideologen des IS verherrlichen einen idealisierten frühen Islam, und sie negieren damit die 1400 Jahre lange Geschichte ihrer Religion mit all den Traditionen, in denen sie sich manifestiert hat: den mystischen Islam ebenso wie den schiitischen, die Volksfrömmigkeit ebenso wie die Vielfalt der theologischen Lehrmeinungen. Der IS-Terror löscht diese Manifestationen des historischen Islams aus und liquidiert diejenigen, die diese Ausprägungen leben.

          Zeitalter der Unwissenheit

          Opfer des IS-Terrors sind daneben jene, die ihr Weltbild nicht (allein) mit dem Islam begründen. Denn der IS kennt nur zwei Zustände der Welt: das Ideal des frühen Islams und die sogenannte „Welt der Unwissenheit“. Die Muslime bezeichnen gewöhnlich die Zeit vor dem Islam als das „Zeitalter der Unwissenheit“. In der Moderne aber hat sich der Blick auf die Zeit vor dem Islam verändert. So führte gerade die vorislamische arabische Dichtung, die Tugenden wie Ehre, Tapferkeit und Milde gegenüber dem Feinde pries, zur Herausbildung eines nichtreligiösen arabischen Nationalstolzes - was nicht im Sinne des IS ist.

          Kategorisch verwirft der IS auch die nationalen Identitäten der wenigen nahöstlichen Staaten mit stabilen Grenzen, die in vorislamischen Kulturen gründen: Das moderne Ägypten leitet seine Identität von der pharaonischen Kultur ab, das moderne Tunesien von Karthago, der Libanon von den Phöniziern, Iran von den Achämeniden in Persepolis. In diesen Ländern entwickelte sich ein Nationalbewusstsein, das nicht des Islams bedarf. Die Verherrlichung der vorislamischen Geschichte ist somit stets Merkmal eines säkular orientierten Nationalismus.

          Nationalstolz jenseits der Religionen

          Gerade die Oasenstadt Palmyra hat zur Entstehung eines arabischen Nationalstolzes jenseits der Religionen beigetragen. So hatte Zenobia, die legendäre arabische Herrscherin Palmyras, Rom herausgefordert und vorübergehend die Araber mächtig werden lassen. In ihrem Jahrhundert, dem dritten nach Christus, wurde in Rom ein Araber Kaiser, Palmyra war eine bedeutende arabische Handelsstadt - alles vor dem Islam. Erst Palmyras Niedergang leitete Mekkas Aufstieg ein und damit die Entstehung des Islams.

          Die Islamisten, die als Identität nur die Gemeinschaft der Muslime akzeptieren, lehnen nationale und ethnische Referenzen kategorisch ab. Sie lassen keine andere Identität als ihre islamische zu. So haben die Saudis beim Export ihres puritanischen Islams stets alte Moscheen abgerissen, um damit lokale Traditionen zu zerstören. An ihrer Stelle bauten sie gleichförmige, angeblich moderne Moscheen, über die sie dann ihren extremistischen Islam verbreiten.

          Niemand stellt die Pyramiden in Frage

          In vielen Ländern haben die lokalen Islamisten jedoch die historischen Kontinuitäten, die in vorislamische Zeiten zurückreichen, längst akzeptiert. In Ägypten stellt niemand die Pyramiden in Frage, in Tunesien niemand Karthago, in Iran niemand mehr die Residenzstadt Persepolis, nachdem zu Beginn der Revolution von 1979 die dortige Bevölkerung einige Bilderstürmer daran gehindert hatte, das Weltkulturerbe Persepolis einzuebnen. In Ländern, die sich über den Islam legitimieren, hat Archäologie aber stets einen schweren Stand. Denn sie zeigt ja, dass die Welt nicht erst mit dem Islam begonnen hat.

          In der Tradition des Islams kann das radikale dualistische Weltbild des IS kaum an Vorbilder anknüpfen; es ist ein Produkt der Moderne. Erst der ägyptische Denker Sayyid Qutb, der 1966 hingerichtet wurde, machte die radikale Trennung von Islam und „Unwissenheit“ populär. Er erhob zur „islamischen Pflicht“, Krieg gegen alle zu führen, die, wie die Herrscher Ägyptens, in „Unwissenheit“ verharrten. Qutb hielt die Rückkehr der „Unwissenheit“ - darunter fiel bei ihm auch der säkulare NationaIismus - für das größte Problem des zeitgenössischen Islams. Dafür hatte er nur eine Lösung: Die Herrschaft des Islams müsse überall auf der Welt durchgesetzt werden, und sei es mit Gewalt.

          Islamistische Eiferer lehnen selbst islamische Altertümer ab. So hatte Ibn Baz, der dem saudischen König Fahd als Religionsminister und Großmufti diente, die Restaurierung von Altertümern in Mekka und Medina mit dem Argument abgelehnt, sie führe nur dazu, dass die Muslime diese Bauten verehrten, was ein Zeichen von Götzendienst sei, und lenke von der Unterwerfung unter den Einen Gott ab. Ibn Baz predigte in seinem Kampf gegen die „Unwissenheit“ auch, dass sich die Sonne um die Erde drehe. Wenn der IS in einer Tradition steht, dann in dieser.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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