https://www.faz.net/-gpf-py7u

Islamische Religionsgemeinschaft Hessen : „Wir wollen nicht als Prügelknabe der Nation herhalten“

  • Aktualisiert am

Ramazan Kuruyüz, Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen Bild:

Der Staat widerspreche den Regeln des Säkularismus und solle sich aus religiösen Angelegenheiten heraushalten, sagt Ramazan Kuruyüz, Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen. Mit ihm sprach Susanne Kusicke.

          7 Min.

          Die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) wurde 1997 als Zusammenschluß von Muslimen unterschiedlicher Herkunft in Hessen gegründet. Sie hat nach eigenen Angaben 11.500 Mitglieder; etwa 70 Prozent seien türkischer Herkunft, die restlichen 30 Prozent seien überwiegend Marokkaner, Bosniaken, Albaner, deutsche und afrikanische Muslime. Etwa neunzig Prozent der Mitglieder seien Sunniten, zehn Prozent Schiiten.

          Die IRH bemüht sich seit ihrer Gründung darum, als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt zu werden, und reklamiert für sich, als erster und einziger Zusammenschluß seiner Art in Hessen auch als Ansprechpartner für den Staat legitimiert zu sein. Die IRH klagte, bisher erfolglos, auf Erteilung islamischen Religionsunterrichtes an hessischen Schulen; auch zur Erlaubnis des Schächtens ist ein Verfahren anhängig.

          Die Gruppe wird vom hessischen Verfassungsschutz seit 2001 beobachtet, da sie ihre religiösen Überzeugungen zur Scharia, und dabei insbesondere über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, nicht der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unterordne. In dieser Frage sei seither trotz eines personellen Wechsels in der Führung keine Veränderung festgestellt worden. Mit Ramazan Kuruyüz, Vorsitzendem der IRH, sprach Susanne Kusicke.

          Vor zweieinhalb Jahren hat der Zentralrat der Muslime in Deutschland eine Grundsatzerklärung zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft verabschiedet. Die anderen großen muslimischen Organisationen waren damals daran nicht beteiligt. Erkennen Sie dennoch die Bekenntnisse zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und die Forderungen nach einer „würdigen muslimischen Lebensweise“ in dieser Charta an? Wo sehen Sie wichtige Unterschiede?

          In unserem religiösen Grundsatzpapier Darstellung der Grundlagen des Islam hat die IRH schon 1995, ganz ohne äußeren Anlaß und ohne Not, ohne den 11. September und ohne Terrorismusdebatte, ein klares Bekenntnis zur freiheitlichen-demokratischen Grundordnung, zur Verfassung und zu den Menschenrechten abgelegt, und zwar gemeinsam mit allen islamischen Organisationen in Hessen. Die Themen, die in diesem Papier angesprochen werden, sind zudem vielfältiger als in dem ZMD-Papier.

          Heißt das, daß Sie den Rechtsstaat auch als säkular anerkennen?

          Für Muslime besteht kein Widerspruch zwischen dem Islam und dem Säkularismus. Denn wir verstehen Säkularismus noch in seiner ursprünglichen Definition - Trennung von Kirche und Staat sowie Nichteinmischung in die Angelegenheiten des jeweils anderen. Was die Muslime derzeit in Hessen erleben, ist eine Karikatur des Säkularismus; der Staat maßt sich an, die religiösen Grundlagen und Regeln des Islam zu definieren - Beispiel Kopftuch, Beispiel Schächten, wo der Staat festlegen möchte, welche religiösen Regeln für die Muslime verbindlich sind und welche nicht. Der Staat selbst widerspricht dem Prinzip des Säkularismus.

          Gehört zu einer würdigen muslimischen Lebensweise die praktizierte Gleichberechtigung von Männern und Frauen in allen Lebens- und politischen Bereichen? Oder vertreten Sie eine „Gleichwertigkeit“ von Frauen und Männern, wie es die Charta formuliert?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.