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Islam-Demonstration : Bestellt und geliefert?

  • -Aktualisiert am

Die perfekte Organisation als Indiz für eine bestellte Demonstration? Bild: dpa/dpaweb

Nach der Islam-Demonstration in Köln äußern Vertreter muslimischer Organisationen die Vermutung, daß die Veranstaltung vom türkischen Religionsministerium „bestellt“ worden sei.

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          Schon die Vorbereitungen der Demonstration überwiegend türkischer Muslime am Sonntag in Köln wurden von Rivalitäten unter den verschiedenen muslimischen Verbänden in Deutschland begleitet.

          Vertreter anderer muslimischer Organisationen und Fachleute äußern die Vermutung, daß die Demonstration vom türkischen Religionsministerium bei der Türkisch-Islamischen Union „Ditib“ quasi „bestellt“, zumindest aber „erwünscht“ gewesen sei, um im Hinblick auf den von der Regierung in Ankara angestrebten Beitritt zur Europäischen Union zu zeigen, daß sich türkische Muslime vom islamistischen Terror distanzieren.

          „Demonstration war aus Ankara angeordnet“

          Hinter dieser Vermutung verbirgt sich die Konkurrenz der muslimischen Organisationen untereinander. Sie ringen seit Jahren um den Vertretungsanspruch für die 3,2 Millionen Muslime in Deutschland. Jede für sich möchte der Hauptansprechpartner für Bund und Länder in Fragen des islamischen Religionsunterrichts und der Ausbildung von Religionslehrern sein. Jede möchte an Einfluß gewinnen, zum Beispiel durch das Entsenden von Mitgliedern in die Rundfunkräte und andere Gremien - und sie möchten diesen Einfluß nicht mit anderen Organisationen teilen.

          „Meiner Ansicht nach war die Demonstration aus Ankara angeordnet“, sagt Selim Abdullah, der Leiter des Islam-Archivs in Soest. Aus dem Islam-Archiv bezieht unter anderen das Bundesinnenministerium Statistiken zum muslimischen Leben in Deutschland. „Denn die Ditib kann nichts machen, was Ankara nicht zumindest gutheißt.“

          Mustafa Yeneroglu, Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), sagt dazu: „Natürlich hat die türkische Regierung ein Interesse daran, daß sich die Türken in Deutschland ihrem Selbstverständnis entsprechend als demokratisch gesinnt zeigen und sich öffentlich vom Terror distanzieren.“ Die IGMG ist ebenfalls eine türkische Organisation, sozusagen die direkte Konkurrenz der Ditib, die die Demonstration unter dem Titel „Gemeinsam für Frieden und gegen Terror“ ohne Beteiligung der anderen Verbände organisiert hatte.

          „Das ist eine große Lüge“

          Die Ditib hielt in der vergangenen Woche, als Kritik an ihrem Vorgehen laut wurde, daran fest, die Veranstaltung ohne Mitwirkung der anderen Verbände abzuhalten. Das hat, so wird von den konkurrierenden Organisationen vermutet, entweder mit dem „Auftrag“ aus Ankara zu tun oder damit, daß sich die Ditib durch diese Demonstration als herausragender Ansprechpartner für die deutsche Politik profilieren wollte.

          Mehmet Yildirim, Generalsekretär von Ditib, bestreitet sowohl eine Weisung aus Ankara als auch eine Rücksprache mit der türkischen Regierung in dieser Frage: „Das ist nicht der Fall, das ist eine große Lüge“, sagte er dieser Zeitung. „Wir sind eine demokratische Organisation nach deutschem Vereinsrecht, wir gehören nicht zum Religionsministerium und haben das alles hier alleine entschieden.“

          Zweitgrößte muslimische Organisation

          Die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.“, so der übersetzte volle Name der Ditib (Diyanet Isleri Türk-Islam Birligi) mit Sitz in Köln-Ehrenfeld gilt als die zweitgrößte muslimische Organisation in Deutschland, stellt sich selbst aber als die größte dar. Yildirim sagt, seine Organisation vertrete achtzig Prozent aller (organisierten) Muslime in Deutschland und habe 220.000 Mitglieder. Nach Angaben des Islam-Archivs hat die Ditib etwa 100.000 Mitglieder weniger.

          Diese Differenz erklärt sich offenbar aus einer Neigung zur Übertreibung: Auch die Teilnehmer der Demonstration gibt Yildirim mit 40.000 bis 50.000 Personen an - die Polizei kam auf 25.000. Die Zahlen kranken aber auch daran, daß nur etwa zehn Prozent der Muslime in Deutschland organisiert sind; die nichtorganisierten Muslime werden als „Familienmitglieder“ den Mitgliederzahlen zugeschlagen.

          Teilnehmerzahl hätte doppelt bis dreimal so hoch sein können

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