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Irak : Verheerender Bombenanschlag in Arbil

  • Aktualisiert am

Ein amerikanischer Soldat trägt ein verwundetes irakisches Kind Bild: AP

Auch nach der Kabinettsbildung im Irak findet der Terror kein Ende: Bei einem Selbstmordanschlag in der nordirakischen Stadt Arbil sind mindestens 60 Menschen getötet worden. In der Nähe von Tikrit wurde ein Neffe Saddam Husseins festgenommen.

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          Bei dem schwersten Anschlag seit der Regierungsbildung im Irak sind am Mittwoch im Norden des Landes rund 60 Menschen getötet und 150 weitere verletzt worden. Ein Selbstmordattentäter in der von Kurden bewohnten Stadt Arbil habe in einem Büro der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) eine Bombe gezündet, sagten Sicherheitsbehörden.

          Das Gebäude sei auch als Rekrutierungsbüro für die irakische Polizei genutzt worden und unmittelbar vor dem Anschlag hätten sich sehr viele Menschen vor dem Haus aufgehalten. Die KDP ist eine der zwei Kurdenparteien, die nach den Wahlen Ende Januar in das Parlament eingezogen sind. Mit dem Anschlag erleidet das Bemühen der neuen Regierung einen weiteren Rückschlag, das Land zu befrieden und den Attentaten ein Ende zu setzen.

          Schwerstes Attentat seit Februar

          „Es sah aus wie im Schlachthaus“, sagte ein Augenzeuge des Anschlags. „Überall lagen Körperteile herum. Köpfe, Hände, Augen. Es war schrecklich. Die, die das getan haben, sind Tiere, weil das alles gegen den Islam ist.“ Er selbst habe vor dem Gebäude in einer Schlange gestanden, um sich für den Polizeidienst registrieren zu lassen. „Das Einzige, an das ich mich erinnere, war eine heftige Explosion, die mich von den Füßen riß“, sagte der 17 Jahre alte Augenzeuge.

          Immer wieder neue Anschläge erschüttern den Irak

          Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums sagte, bei dem Anschlag seien mindestens 60 Menschen getötet und 150 verletzt worden. Auch ein Arzt im Krankenhaus von Arbil sprach von 60 Opfern. Viele Menschen hätten zudem Verbrennungen erlitten und seien von umherfliegenden Metallsplittern getroffen worden. Das Verteidigungsministerium bestätigte 45 Tote und 16 Verletzte.

          Das Attentat war das schwerste im Irak seit Ende Februar, als bei einem Autobomben-Anschlag in Hilla südlich der Hauptstadt Bagdad 125 Menschen getötet worden waren.

          Beinahe täglich Anschläge

          Im Irak kommt es seit dem Einmarsch der von den Vereinigten Staaten geführten Truppen 2003 beinahe täglich zu Attentaten. Während sie sich zunächst überwiegend gegen die ausländischen Soldaten gerichtet hatten, ist in den vergangenen Monaten mehr und mehr die Zivilbevölkerung betroffen, darunter auch Frauen und Kinder.

          Aufständische versuchen damit, die verschiedenen Volksgruppen gegeneinander aufzubringen. Der kurdische Norden war bislang von Anschlägen weitgehend verschont geblieben. Allerdings waren 2004 in Arbil bei Bombenattentaten auf die Büros der beiden führenden kurdischen Parteien 117 Menschen getötet worden. Die Stadt ist auch Sitz der kurdischen Regionalregierung.

          Zarqawi verantwortlich?

          Die irakische Führung hat wiederholt die Extremistengruppe Al Qaida um den Jordanier Abu Mussab al Zarqawi der Attentate beschuldigt und ihr vorgeworfen, einen Bürgerkrieg anzetteln zu wollen. Die Vereinigten Staaten haben auf Zarqawi, der sich zu zahlreichen Anschlägen bekannt hat, ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt.

          Mit ihren neuen Anschlägen machten die Aufständischen deutlich, daß sie die neu vereidigte Regierung unter Führung des schiitischen Ministerpräsidenten Ibrahim Al Dschaafari nicht akzeptieren und ihren Kampf fortsetzen.

          „Schweres Erbe“

          Nachdem Al Dschaafari am Dienstag seinen Amtseid abgeleistet hatte, folgten seine Kabinettsminister und versprachen einer nach dem anderen, das Land und sein Volk zu verteidigen. Allerdings ist die Regierung noch nicht vollständig: Einige Schlüsselressorts wie Verteidigung und Öl sind zunächst nur übergangsweise besetzt. Viele Abgeordnete blieben der Vereidigungszeremonie aus Unmut über die Kabinettsliste fern.

          „Sie kennen alle das schwere Erbe, das diese Regierung antritt“, sagte Al Dschaafari vor halb leeren Rängen im schwer bewachten Bagdader Kongreßzentrum. „Wir haben es mit Korruption, einem Mangel an öffentlichen Dienstleistungen, mit Arbeitslosigkeit und Massengräbern zu tun. Ich möchte all den Witwen und Waisen versprechen: Ihre Opfer waren nicht umsonst!“

          Neffe von Saddam Hussein festgenommen

          Unterdessen ist den Sicherheitskräften ein Neffe des entmachteten irakischen Präsidenten Saddam Hussein ins Netz gegangen. Ajman Sabawi, der Sohn von Saddam Husseins Halbbruder Sabawi Ibrahim el Tikriti, sei bei einem Einsatz im Norden von Tikrit gefaßt worden, teilte die irakische Regierung am Mittwoch mit.

          Er werde verdächtigt, den Aufstand im Irak finanziert zu haben. Tikrit ist die Heimatregion von Saddam Hussein und liegt etwa 180 Kilometer nördlich von Bagdad. Anfang April hatte die Regierung mitgeteilt, daß Ende Februar bereits ein weiterer Neffe von Saddam Hussein festgenommen worden sei.

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