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Irak : Stiller Putsch im Süden

  • -Aktualisiert am

Das Regime steht vor seinem Ende: Doch wen wird Amerika in Zukunft unterstützen? Bild: dpa/dpaweb

Die ersten Oppositionellen sind im Irak gelandet. Geht es nach dem Pentagon soll Ahmad Tschalabi, Chef des Irakischen Nationalkongresses, eine entscheidende Rolle in einer Übergangsregierung spielen.

          In Washington war es Paul Wolfowitz, im Süden des Iraks waren es amerikanische Flugzeuge. An beiden "Frontabschnitten" stellte das Verteidigungsministerium unter Beweis, daß es in der Offensive ist und über die Kontrolle verfügt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister und so etwas wie der intellektuelle Architekt des Irak-Feldzuges, brachte das Kunststück fertig, am Sonntag in gleich drei der wesentlichen politischen Talkshows präsent zu sein: auf den Sendern CBS, NBC und Fox News.

          Absage an UN

          Dabei bekräftigte er die sogenannte Dominotheorie. Nach der Verwandlung des Iraks in ein demokratisches Gemeinwesen (zunächst unter amerikanischer Kuratell) bedürfe es gar nicht mehr weiterer Gewaltanwendung, um repressive Regime wie etwa jenes in Syrien zu beseitigen. Denn die Macht der demokratischen Vision werde sich mit dem leuchtenden Beispiel Irak in der Region und in der gesamten arabischen Welt duchsetzen. Zugleich stellte Wolfowitz einen vorläufigen Zeitplan vor, wie das irakische Volk nach Jahrzehnten der Diktatur zur Selbstbestimmung finden kann. Mindestens sechs Monate, so die Schätzung Wolfowitz', werde es dauern, bis das Ziel der demokratischen Selbstbestimmung erreicht sei.

          Damit erteilte Wolfowitz dem Gedanken einer von den UN geführten Verwaltung - wie etwa im Kosovo oder in Ost-Timor - eine klare Absage. "Unser Ziel muß es sein, die Führung und praktische Arbeit einer Regierung so rasch wie möglich dem irakischen Volk anzuvertrauen und nicht einer anderen, von außen kommenden Amtsgewalt", sagte Wolfowitz.

          Entscheidende Rolle für INC-Chef Ahmad Tschalabi

          Offenbar hat man im Pentagon auch eine recht präzise Vorstellung davon, wer bis zur Bildung einer aus allgemeinen und freien Wahlen hervorzugehenden Regierung gemeinsam mit der amerikanischen Militär- und Zivilverwaltung die Kontrolle über den Irak ausüben soll: Ahmad Tschalabi, Chef des Irakischen Nationalkongresses (INC) soll jedenfalls eine entscheidende Rolle spielen.

          Der 58 Jahre alte Tschalabi lebt zwar seit 45 Jahren nicht mehr im Irak und hat deshalb - was ihm seine Kritiker und politischen Gegner vorwerfen - kaum mehr Verbindung zum Land und vor allem zu den Menschen dort. Dafür verfügt Tschalabi in Washington über beste Beziehungen.

          700 INC-Kämpfer in Nassirija gelandet

          Seit Jahrzehnten hat er beharrlich seine Vebindungen zu jenen politischen Kreisen aufgebaut, die jetzt in der Regierung und zumal im Pentagon die Fäden ziehen. Tschalabi kann nach amerikanischen Medienberichten das Mitglied des einflußreichen Ausschusses für Verteidigungspolitik im Pentagon, Richard Perle, sowie den ehemaligen Chef des Auslandsgeheimdienstes CIA, James Woolsey, zu seinen Förderern, ja Freunden zählen. Zudem unterhält Tschalabi seit Jahren enge Beziehungen zu Vizepräsident Dick Cheney. Tschalabi hat sich in vergangener Zeit betont bescheiden gezeigt und jeden Anspruch auf ein mögliches Regierungsamt zurückgewiesen. Ob er seine Ambitionen tatsächlich aufgegeben hat, ist zumindest fraglich.

          Im Süden des Iraks jedenfalls haben über das Wochenende und bis zum Montag 700 bewaffnete Mitglieder des INC unter dem Schutz der amerikanischen Truppen Aufstellung genommen. Sie wurden mit amerikanischen Transportflugzeugen vom kurdisch kontrollierten Nordirak auf das Flugfeld Tallil nahe Nassirija im Süden des Landes geflogen.

          Wie Fische im Wasser

          Auch Tschalabi selbst, wie fast alle seiner leicht bewaffneten Kämpfer Angehöriger der schiitischen Bevölkerungsmehrheit, traf bei Nassirija ein. Welche Aufgaben Tschalabi und seine Truppen übernehmen sollen, ist unklar. Tschalabi selbst sieht in seinen Kämpfern offenbar den Nukleus von so etwas wie freien irakischen Streitkräften als symbolischem Gegengewicht zu den verbliebenen Kämpfern des Regimes unter Diktator Saddam Hussein. In den kommenden Tagen werden Tschalabi und die Kämpfer des INC in verschiedenen Städten im Südirak Verbindung mit Stammesältesten aufnehmen und die verbliebenen Funktionäre des fallenden Regimes ausfindig machen und ausschalten.

          Die schiitischen INC-Kämpfer können sich unter der schiitischen Bevölkerung im Süden des Landes wie Fische im Wasser bewegen, und manches spricht dafür, daß frühzeitig gelegte Machtfundamente wichtige Positionen beim Aufbau einer neuen Verwaltung und Regierung garantieren.

          "Brückenbauer" zur irakischen Bevölkerung

          Offenbar hat der INC in einer Art stillem Putsch die Funktion jener irakischen Helfer übernommen, die im amerikanischen Stützpunkt Taszár im Süden Ungarns seit Wochen auf ihre Dienste als Übersetzer, Führer und Sicherheitskräfte ausgebildet worden waren. An dem Programm für Exil-Iraker verschiedener Volksgruppen und politischer Ausrichtung hatten statt der erhofften tausend Männer aber nur etwa hundert teilgenommen. In der vergangenen Woche wurde das Programm in Taszár sang- und klanglos beendet. Seit dem Beginn des Krieges leisten tatsächlich einige der Männer, die in Taszár als Führer und Übersetzer, nicht aber an der Waffe ausgebildet wurden, den alliierten Truppen im Süden des Iraks Dienste als "Brückenbauer" zur irakischen Bevölkerung.

          Im Pentagon versucht man zwar dem Eindruck entgegenzutreten, Tschalabi und sein INC hätten dank der Protektion durch das amerikanische Verteidigungsministerium und die frühe Ankunft im Südirak einen entscheidenden Startvorteil gegenüber den anderen maßgeblichen Oppositionsgruppen. Doch früh eingenommene Position sind zumal in einer unübersichtlichen Übergangszeit besonders wertvoll: Wer sich kurz nach dem Fall eines repressiven Regimes als eine Art Bürgermeister der Befreiung etabliert, hat beste Chancen, in diesem Amt bei Wahlen bestätigt zu werden. "Das irakische Volk ist vollkommen dazu in der Lage, den Irak selbst zu regieren", sagt Präsident Bush. Und: "Die Vereinigten Staaten werden beim Übergang helfen." Die Frage ist nur, wem.

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