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Irak nach dem Krieg : "Ein Kind namens Irak ist jetzt geboren"

  • -Aktualisiert am

Die Schiiten in Nadschaf zeigen sich geschlossen Bild: dpa

Wie keine andere Stadt freut sich Nadschaf, die Stätte der schiitischen Gelehrsamkeit, über die Befreiung vom Saddam-Regime. Nach über 20 Jahren dürfen religiöse Rituale wieder abgehalten werden.

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          "Die Edelste" wird sie genannt. Nadschaf al-Aschraf. Doch die südirakische Stadt mit 900.000 Seelen ist ärmlich und heruntergekommen. Im Suk sind die meisten Läden geschlossen. Auch hier in Nadschaf wurde nach dem Sturz von Saddam Hussein geplündert. Der Handel gedeiht nur auf dem Platz vor der Grabmoschee von Ali, dem ersten schiitischen Imam, der in der Nähe von einem fanatischen Zeloten ermordet wurde. Der Arbaim, der vierzigste Tag nach dem Tod Husseins, des dritten schiitischen Imams, ist eigentlich schon vorbei, doch das heilige Fest wird noch immer gefeiert.

          Scharen von Männern ziehen mit grünen, roten und schwarzen Fahnen durch das Hauptportal in das Heiligtum. Der Hof des Mausoleums ist bald gefüllt. "Ja, ja zu Hussein", skandiert die Menge. Im Rhythmus der Trommeln beginnen Tausende mit dem "Latom", dem "Sich-an-die-Brust-Schlagen", als Zeichen der Trauer für den ermordeten Imam Hussein. Der Enkel des Propheten wurde im Jahr 680 in der Nähe von Kerbela mit seiner Gefolgschaft von dem übermächtigen Heer der Omaijaden niedergemetzelt.

          Eine Religion der Trauer und des Weinens

          Die Selbstgeißelung wird immer blutiger. Hunderte von jungen Männern schlagen sich mit Eisenketten auf den Rücken. Nach mehr als zwanzig Jahren dürfen die Schiiten wieder ihre Prozession abhalten. "Das ist unsere Art, die Freude an der Freiheit zum Ausdruck zu bringen", sagt ein junger Mann, der von Beruf Lehrer ist. Schon Elias Canetti wußte, daß die Schia eine Religion der Trauer und des Weinens ist.

          Wie keine andere Stadt im Irak freut sich Nadschaf über die Befreiung vom Saddam-Regime. Im Jahr 1991 richtete die Republikanische Garde hier nicht nur ein Massaker an, sondern beschoß auch das Heiligtum - für die Schiiten ein todeswürdiger Frevel. "Die Kugeln auf das Grabmal unseres Imams haben Saddam zur Hölle geschickt", sagt ein älterer Mann. Um die Gunst der Schiiten wiederzugewinnen, ließ Saddam Hussein das beschädigte Mausoleum angeblich aus der eigenen Schatulle renovieren. Die goldene Kuppel und die goldenen Minarette glänzen über dem viereckigen, mit Mosaiken kunstvoll verzierten Gebäude. Kerbela, wo Hussein begraben liegt, ist die Stadt des Leidens und der religiösen Leidenschaften. Nadschaf aber ist die Stätte der schiitischen Gelehrsamkeit. Kerbela lieben die Schiiten - vor Nadschaf haben sie Respekt.

          Nadschaf hat große theologische Bedeutung

          Schon im 19. Jahrhundert war "die Edelste" eine Art Vatikan der schiitischen Gemeinschaft. Was in Nadschaf geschrieben wurde, war bindend für die Schiiten bis zum Indus. Die ranghöchsten Theologen residierten in Nadschaf. Man meinte, dort seien die Ulama, die Gelehrten, vom Geist Alis durchdrungen. Erst Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlor Nadschaf seine Stellung. An seine Stelle trat nun die Stadt Ghom in Iran.

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