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Interview zum Syrien-Krieg : „Die Lage ist schlimmer denn je“

In den zerstörten Straßen von Duma: Die humanitäre Lage Syriens hat sich noch nicht entspannt. Bild: dpa

Der Bürgerkrieg hat Spuren hinterlassen: Im F.A.Z.-Interview spricht Jakob Kern, Leiter des UN-Welternährungsprogramms für Syrien, über die zunehmende Not der Bevölkerung – und die Gebermüdigkeit des Westens.

          3 Min.

          Herr Kern, nach sieben Jahren ist der Krieg in Syrien scheinbar entschieden. Entspannt sich deshalb die humanitäre Lage?

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Für die dreizehn Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, ist die Lage schlimmer denn je. Sie haben ihre Reserven aufgezehrt. Das Geld ist aufgebraucht, in den belagerten Regionen sind die Möbel verbrannt, weil sie zum Heizen und Kochen verwendet wurden. Wir haben jetzt mehr Zugang, weil es weniger belagerte Regionen gibt. Aber die Lage der Leute, die wir erreichen, ist schlechter als jemals in den zwei Jahren, in denen ich in Syrien bin.

          Hat sich das Verhalten des Regimes geändert, jetzt, da es gewinnt?

          Während der Offensive in Ost-Ghouta war es schwieriger, Genehmigungen zu erhalten. Es gibt einen merklichen Unterschied zwischen 2017 und 2018. Ich hoffe, dass die Bedingungen für humanitäre Hilfe nicht so schwierig bleiben, sondern dass dies von temporärer Natur ist.

          Wenn man in die nordwestliche Provinz Idlib schaut, steht ihnen eine weitere Großbaustelle ins Haus, wenn das Regime seine Rückeroberungsoffensive fortsetzt.

          Das wird eine riesige Aufgabe. Idlib ist im Moment ein großes Lager für Binnenvertriebene. Da leben jetzt fast doppelt so viele Menschen, wie es ursprünglich der Fall war. Denn jedes Mal, wenn eine örtliche Übereinkunft erzielt wurde zwischen der Regierung und einer belagerten Region, sind die Kämpfer und ihre Familien nach Idlib gegangen. Die Provinz ist sicher auch die größte humanitäre Baustelle, weil es dort Kämpfe unter den verschiedenen bewaffneten Gruppen gibt. Je mehr Kämpfer aus anderen Regionen kommen, desto mehr Fraktionen gibt es dort. Und desto größer werden die Spannungen.

          Im Gespräch: Jakob Kern, Leiter des UN-Welternährungsprogramms für Syrien
          Im Gespräch: Jakob Kern, Leiter des UN-Welternährungsprogramms für Syrien : Bild: WFP/Jakob Kern

          Sehen Sie parallel zur zunehmenden Not eine zunehmende Gebermüdigkeit, wie zuletzt von UN-Funktionären öffentlich bemängelt wurde?

          Die Müdigkeit ist spürbar, was Syrien insgesamt betrifft. Uns trifft sie noch nicht so stark, bis September ist unsere Arbeit gesichert. Unser Problem ist, dass wir vier Monate Vorlaufzeit benötigen. Wir brauchen jetzt Geld, um für den Oktober einzukaufen.

          Wird die Ankündigung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Hilfsgelder einzufrieren, Ihre Arbeit beeinträchtigen?

          Für uns gilt das nicht. Unsere Erfahrung mit dem Präsidenten ist, dass er am Ende zugänglich für gute Argumente ist. Wir haben vergangenes Jahr viele Hilfsgelder von den Vereinigten Staaten erhalten, und es geht so weiter.

          An Orten wie Raqqa gibt es ja auch politische Interessen, die Not der Leute zu mindern, damit der militärische Sieg über den „Islamischen Staat“ (IS) nicht umsonst erkämpft wurde.

          Raqqa ist ein sehr tragischer Fall. Ich war Anfang des Monats dort – die Zerstörung ist weitaus größer als in Ost-Aleppo oder in Homs. Und die ist schon riesig. Das große Problem ist, dass die Leute es vorgezogen haben, zurückzugehen, obwohl die Stadt noch vermint und voller Blindgänger ist. Jeden Tag werden zwei, drei Menschen durch Minen getötet. Jetzt leben etwa 100.000 Menschen in einer Stadt, die zerstört ist, in der es keinen Strom gibt, kein Wasser, kaum medizinische Versorgung. Die Verwaltung ist gerade in ihren neuen Sitz eingezogen, als wir in der Stadt waren. Sie hat ihre Arbeit bislang kaum aufnehmen können.

          Es hieß doch vorher immer, wenn diese Verwaltung nicht schnell liefert, haben wir ein großes Problem.

          Es wird Jahre dauern, bis allein nur Minen und Blindgänger weggeräumt sind. Die paar Straßen, die gesichert sind, dort ist das Leben normal. Aber Raqqa ist eine Stadt ohne Regierung und Polizei.

          Bei all den Zerstörungen – sehen Sie da überhaupt die Chance, dass von den Flüchtlingen in Europa eine größere Zahl bald zurückkehren kann?

          Sehr bald sicher nicht. Schon gar nicht bei sechs Millionen Binnenvertriebenen. Selbst wenn die Häuser noch stehen, dann lebt wahrscheinlich jemand anderes darin. Die Frage der Besitzrechte ist ein großes Problem.

          Haben Sie das Gefühl, dass das Regime überhaupt will, dass diese Leute zurückkehren?

          Momentan nicht. Es ist der Regierung derzeit wichtiger, das Problem der Binnenvertriebenen zu lösen. Wer aus dem Ausland zurückkehrt, dem droht der Militärdienst. Derzeit erzeugt die Regierung großen Druck, in die Provinz Deir el Zor zurückzukehren, um dort so schnell wie möglich Normalität herzustellen.

          Es läuft inzwischen eine Debatte über den Wiederaufbau, und es gibt Warnungen, dass dieser politisiert und vom Regime ausgenutzt wird. Gilt das auch für die humanitäre Hilfe?

          Wie anderswo auch kann man in Syrien nicht arbeiten, ohne in irgendeiner Form mit der Administration zusammenzuarbeiten. Und in Syrien gibt es eine funktionierende Verwaltung.

          Wird es am Ende so kommen, dass der Westen bezahlt?

          Darüber will ich nicht spekulieren. Aber man darf die Menschen nicht bestrafen. Wir müssen weiter humanitäre Hilfe leisten, und irgendwann steht auch der Wiederaufbau an. In der Bevölkerung spürt man große Ernüchterung. Für sie hat sich nach sieben Jahren im Grunde nichts geändert – nur, dass das Land zerstört ist. Es ist ja auch kein lokaler Konflikt. Ich bin vor einiger Zeit von Qamishli im kurdischen Nordosten nach Aleppo gefahren. Auf dem Weg sieht man Soldaten zweier Supermächte: Russland und Amerika. Hilfstruppen zweier Regionalmächte: Iran und Türkei. Und zwei örtliche Gruppen: Kurden und Syrer. Das alles innerhalb von acht Stunden. Das sagt doch schon alles.

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