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Interview : „Wir spüren keine Unterstützung für unser Leid“

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Der israelische Staatspräsident Katzav (2.v.r.) auf der Berliner Antisemitismus-Konferenz Bild: dpa/dpaweb

Antijüdische Propaganda arabischer Extremisten sei eine Ursache für zunehmenden Antisemitismus in Europa. Das sagt der israelische Staatspräsident Katzav im F.A.Z.-Interview.

          5 Min.

          Der israelische Staatspräsident Mosche Katzav sieht eine Ursache für zunehmenden Antisemitismus in Europa in der antijüdischen Propaganda arabischer Extremisten. Katzav, der sich auf Einladung von Bundespräsident Rau als Beobachter zur Antisemitismus-Konferenz in Berlin aufhielt, vermißt außerdem Mitleid der Europäer mit dem unter palästinensischem Terror leidenden israelischen Volk. Mit dem israelischen Staatspräsidenten sprach der Berlin-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Johannes Leithäuser.

          Sind Konferenzen ein Mittel, um antisemitischen Tendenzen zu wehren?

          Diese Konferenz ist bemerkenswert. Die Welt bekundet uns, daß wir nicht alleine stehen. Ich nehme die Unterstützung der europäischen Staatsmänner mit dem jüdischen Volk, dem jüdischen Staat, wegen des wachsenden Antisemitismus in Europa wahr. Der Antisemitismus ist kein jüdisches Problem. Er ist ein europäisches Problem, ja ein weltweites Problem.

          Er steht den internationalen Werten entgegen, den universellen Werten. Europa kann seine Jugend nicht zur Moral und zur Respektierung humaner Werte erziehen, während ein antisemitischer Geist herrscht.

          Welches sind die Gründe eines wachsenden Antisemitismus in Europa?

          Die Wurzeln sind stets die gleichen: Feindseligkeit und Haß und Intoleranz, Rassismus. Aber jetzt ist ein neuer Typ von Antisemitismus hinzugekommen aus der arabischen Welt. Wir haben gute Beziehungen mit vielen arabischen Ländern. Jordanien, Ägypten, Türkei, den Golfstaaten. Und in Europa leben zwanzig Millionen Muslime, von denen die meisten anständige Leute sind.

          Das Problem entsteht durch die Extremisten und Radikalen. Sie versuchen politische Ziele durch diesen neuen Antisemitismus zu erreichen. Sie nutzen die Freiheiten der Demokratien, die Globalisierung, die technischen Möglichkeiten des Internet-Zeitalters, um den Haß gegen die Juden zu vergrößern. Alte traditionelle Vorurteile gegen Juden werden wiederaufgenommen und über moderne Medien, über das Fernsehen aus arabischen Ländern verbreitet.

          Ich glaube, daß alle europäischen Staatsmänner dieselbe Ansicht über die Gefahr des Antisemitismus hegen wie ich als israelischer Staatspräsident. Aber es ist nicht genug, Stellungnahmen und Ankündigungen abzugeben. Wir müssen handeln. Handeln durch Gesetzgebung, Strafverfolgung, Erziehung, öffentliche Meinung. Und Europa sollte den Empfang arabischer Sender unterbinden, die den Haß predigen.

          Aus der deutschen Jüdischen Gemeinde sind Sorgen geäußert worden, daß der Beitritt der osteuropäischen Länder zur EU neue Herausforderungen bei der Bekämpfung antisemitischer Tendenzen schaffe, weil diese Länder oft die Tabus erst brechen müßten, die sie über ihre Rolle als Kollaborateure des nationalsozialistischen Deutschlands verhängten. Teilen Sie diese Sorge?

          Generell kann ich sagen, daß ich mich letzthin gefragt habe, ob womöglich der Eindruck des Holocausts durch den zunehmenden Antisemitismus geschwächt wurde. Ich bin besorgt und frage mich, ob nicht eine neue Situation entstanden ist. Meine Erwartung ist, daß Europa den Antisemitismus nicht deswegen zu bekämpfen bereit ist, weil ich oder die Juden das verlangen, sondern um seiner eigenen Werte willen, seiner eigenen Normen und Standards willen, genau so, wie man Kindern beibringt, nicht zu stehlen und andere Dinge zu achten.

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