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Interview : "Wir können von NGOs lernen"

  • Aktualisiert am

OECD-Generalsekretär Donald Johnston Bild: dpa

Die Ängste von Globalisierungsgegnern sollten ernst genommen werden, sagt OECD-Generalsekretär Johnston. Er plädiert im FAZ.NET-Gespräch für einen Dialog.

          Auf ihren Konferenzen wie unlängst in Paris zum Thema nachhaltiger Entwicklung bezieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Nichtregierungsorganisationen, so genannte NGOs, schon länger aktiv in den Dialog mit ein. Deshalb wehrt sich OECD-Generalsekretär Donald Johnston im FAZ.NET-Gespräch gegen eine pauschale Verurteilung von Globalisierungsgegnern. Aufgrund der Vielfalt der Anliegen sei es allerdings schwierig, einen Dialog zu institutionalisieren. Vielmehr sollten zu bestimmten Themen systematische Ad-hoc-Meetings mit NGOs veranstaltet werden.

          Herr Johnston, Wie ernst nehmen Sie die Anliegen von Globalisierungsgegnern?

          Wir nehmen sie sehr ernst, weil wir alle gemeinsam versuchen müssen, die Globalisierung zu meistern. Denn nur so können wir von ihr profitieren und einen höheren Lebensstandard für alle schaffen. Gleichzeitig müssen wir die Risiken der Globalisierung eingrenzen. Das heißt zum Beispiel, dass die Regierungen sicher stellen müssen, dass die Früchte des Wachstums gleichmäßig verteilt oder entlassene Arbeitnehmer wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.

          Denn falls die Regierungen dies nicht tun, geben sie den Globalisierungsgegnern gute Gründe, auf die Barrikaden zu gehen? Das heißt, Sie verstehen die Motivation der Demonstranten?

          Man kann sie nicht alle über einen Kamm scheren. Manche haben legitime Anliegen, die sie zudem in einer rationalen und intelligenten Weise zum Ausdruck bringen.

          Intellektuelles Potenzial

          Wer zum Beispiel?

          Greenpeace, Defense of the Earth, der World Wild Life Fund oder auch die Royal Society for the Protection of Birds. All diese Organisationen haben ein großes intellektuelles Potenzial. Deshalb hat die OECD sie erfolgreich in ihre Konferenzen integrieren können.

          Ist das die offizielle Strategie der OECD?

          Ja, aber nicht, um die NGOs dadurch mundtot zu machen, sondern um von ihnen zu lernen.

          Was können die Ihnen beibringen?

          Ich war zum Beispiel stark beeindruckt, als wir 1999 unsere erste Konferenz über genveränderte Nahrungsmittel machten und dazu auch NGOs einluden. Darunter war auch die Royal Society for the Protection of Birds, die eine der größten NGOs in Großbritannien ist. Ihnen gin es nicht um die Gesundheitsrisiken genveränderter Nahrungsmittel, sondern sie befürchteten, dass sich mit dem Genfood die Landwirtschaft noch intensiviere. Das lehnen sie ab, weil sie Studien vorlegen konnten, die zeigten, dass sich der Bestand bestimmter Vogelarten in ganz Europa mit zunehmender Intensität der Landwirtschaft reduziert. Wenn man also die Produktivität der Landwirtschaft weiter steigere, gefährde man die natürliche Nahrungskette und damit die Artenvielfalt. Die Vertreter der Entwicklungsländer waren gar nicht damit einverstanden. Aus ebenso nachvollziehbaren Gründen plädierten sie für eine intensivere Landwirtschaft. Und so erkannten wir, dass es nicht immer nur einen Ansatz geben muss, der für alle Staaten gilt.

          Systematische Ad-hoc-Meetings

          Kommen Sie aufgrund dieser Erfahrung zu dem Schluss, den Dialog mit den NGOs institutionalisieren zu müssen?

          Nein. Die NGOs sprechen ja nicht mit einer Stimme. Deshalb kann man auch keine Organisation aufbauen, die "die" NGOs repräsentiert. Die Anliegen von Greenpeace stimmen ja nicht unbedingt mit denen des World Wild Life Funds überein. Deswegen muss man sich wohl eher ad hoc miteinander verständigen, das aber auf eine systematische Weise.

          Das heißt, von Mal zu Mal ergibt sich, welche NGO der kompetente Gesprächspartner ist?

          Ja. Es gibt ja Tausende von NGOs. Die meisten von ihnen sind selber ein Produkt der Globalisierung. Auch wenn sie gegen sie sind, nehmen sie doch aktiv am Globalisierungsprozess teil.

          Haben Sie den Eindruck, dass dieser Prozess aus dem Ruder läuft?

          Es ist ganz wichtig zu erkennen, dass es sich bei der Globalisierung um einen Prozess handelt, und nicht um eine Politik. Es ist doch nie eine Regierung hergegangen und hat gesagt: Jetzt wollen wir globalisieren. Niemand kann diesen Prozess anhalten. Er kann vielleicht gestört werden, aber nicht gestoppt. Wir alle leben längst in einer globalisierten Gesellschaft: Der Handel, die Gesundheit, das Klima, alles ist heute global. Deswegen ist es dumm, gegen Globalisierung im allgemeinen zu sein. Man kann sich höchstens gegen bestimmte Aspekte wehren.

          Verhaltenskodex für Multis

          Aber muss man nicht weniger den Menschen einen Vorwurf machen, die eine diffuse Angst vor der Globalisierung verspüren, als vielmehr den multinationalen Unternehmen, die von der Globalisierung profitieren, aber ihr Vorgehen nicht transparent machen oder wenigstens erklären?

          Es ist richtig, dass es die großen Unternehmen sind, die die Globalisierung vorantreiben. Deswegen haben wir einen Verhaltenskodex aufgestellt, der von den multinationalen Unternehmen im Prinzip einfordert, sich wie gute Bürger aufzuführen, egal wo sie Geschäfte machen. Auf diese Weise können Unternehmen viel Gutes bewegen. Globalisierungsgegner, die eigentlich Anti-Kapitalisten sind, benutzen sie nur für ihre Zwecke als Zielscheibe.

          Wo können Multis denn Gutes tun?

          In der Nachhaltigkeit. Heute kann kein Unternehmen mehr Erfolg haben, wenn es nicht auf die Umwelt achtet.

          Handelt es sich dabei nicht eher um pure Rhetorik?

          Wenn Sie in eine Firma gehen, dann sehen sie, wie groß die Anstrengungen in dieser Richtung sind. Sonst wäre sie nicht wettbewerbsfähig.

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