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Interview : „Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht“

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Theologieprofessor Ali Bardakoglu Bild: AP

Ali Bardakoglu, Präsident des türkischen Religionsamtes, spricht im Interview mit der F.A.Z. über die Imamausbildung für Deutschland und die Verbreitung eines modernen Islams. Eine Aufgabe sei es, „unsere Auffassung in die Gesellschaft hineinzutragen“.

          Der Theologieprofessor Ali Bardakoglu ist Präsident des türkischen Amtes für Religionsangelegenheiten (Dyanet). Er ist damit zum einen Staatangestellter und zum anderen der oberste islamische Geistliche des Landes. Bardakoglu, der 1952 in einem Dorf nahe Kastamonu geboren wurde, wurde im Mai 2003 vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in das Amt berufen. Die in Deutschland aktive Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist ein Ableger seiner Behörde. Bardakoglu gilt als Reformtheologe. Nach seiner Darstellung ist der Islam eine Religion des Friedens, die sich mit dem Säkularismus gut vereinbaren lässt. Der Islamgelehrte setzt sich für die Frauenrechte und die Bekämpfung sogenannter Ehrenmorde ein.

          Bardakoglu spricht im F.A.Z.-Interview über die Imamausbildung für Deutschland und die Verbreitung eines modernen Islams.

          Herr Präsident, Ihr Amt ist schon seit längerem damit befasst, die Ausbildung der Ditib-Imame zu verbessern. Wie weit sind Sie mit Ihrem Vorhaben?

          Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht. Wir sind allerdings mittlerweile so weit, dass die neuen Imame 400 Stunden Deutschunterricht und 50 Stunden in Landeskunde erhalten haben. Es besteht auch die Möglichkeit für sie, in Deutschland zu promovieren. Wir sind auf einem guten Weg.

          Sind auch Frauen unter ihnen?

          Wir sind in der Türkei diejenige Einrichtung, die zuerst das Wort erhebt, wenn Frauenrechte verletzt werden. Wir haben in den türkischen Provinzen - und das ist das erste Mal in der Türkei - Frauen, die die stellvertretenden Muftis sind. Und wir haben in Deutschland dreißig Frauen, die als Religionsbeauftragte von uns eingesetzt worden sind, die als Pädagoginnen, Religionslehrerinnen und Vorbeterinnen arbeiten. Uns ist bewusst, dass in der Frage der Frauenrechte eine Bewusstseinsschärfung erfolgen soll, und gerade diese Frauen arbeiten daran, dass sich die Frage der Frauenrechte im Bewusstsein der Menschen verankert.

          Eine solch liberale Haltung ist aber unter türkischen Muslimen in Deutschland bei weitem nicht überall verbreitet.

          Es mag sein, dass wir in diesem Punkt durchaus Defizite hatten und uns nicht ausreichend in diesen Dienst stellen konnten. Ich bin in diesem Zusammenhang aber sehr zuversichtlich. Fortschritt kann es nur in der Diskussion geben. Es geht darum, dass wir vernünftige religiöse Inhalte vermitteln. Wenn ich hier in Deutschland bin, spreche ich immer davon, dass es wichtig ist, dass die Kinder eine gute Schulausbildung genießen.

          Wie wollen Sie es schaffen, komplizierte Auslegungen der islamischen Quellen den nicht an Hochschulen ausgebildeten Muslimen verständlich zu machen? Das ist sicher kein einfaches Unterfangen. Ein Dialog über den Islam unter Intellektuellen ist im Vergleich sicher um ein Vielfaches einfacher.

          Die eigentliche Aufgabe, die wir uns gestellt haben, ist es, unsere Auffassung in die Gesellschaft hineinzutragen. Dafür arbeiten die 700 Religionsbeauftragten in Deutschland, die sich genau das zur Aufgabe gemacht haben. Sie tun dies im Dialog mit den Gemeindemitgliedern. Wir dürfen nicht nur eine Institution sein, die Wissen produziert und Wissen anbietet.

          Wie weit reicht der Einfluss Ihres Amtes, nimmt das Dyanet auch Einfluss auf die Predigten?

          Jeder Prediger - in der Türkei oder in Deutschland - stellt seine Predigten selber zusammen, nach seiner Vernunft, nach seinem Wissen. Es gab mal eine Zeit, in der es so gehandhabt wurde, dass die Predigten zentral vorbereitet wurden, aber das ist schon seit Jahren nicht mehr der Fall. Es würde auch unserem liberalen Verständnis der Religion widersprechen. Jeder Imam muss auf die Fragen und Bedürfnisse seiner Gemeinde eingehen können. In Deutschland ist es meines Wissens so, dass sich die Religionsbeauftragten untereinander austauschen, dass sie sich mit den jeweiligen Religionsbeauftragten in den Konsulaten austauschen. Zentral gefertigte Predigten gibt es nicht. Natürlich ist es so, dass unsere Auffassung von Frauenrechten, von Menschenrechten von Respekt, Liebe, Nächstenliebe überall nur gleich sein kann - im entlegenen Dorf in der Türkei oder hier in Deutschland. Daher werden die Predigten auch immer die gleichen, entsprechenden Botschaften enthalten.

          Muss der türkische Islam nicht verstärkt als Verfechter und Makler eines liberalen Islams auftreten?

          Wir erheben nicht den Anspruch, im Islam eine Modellfunktion für andere islamische Länder zu erhalten. Das würde unserer freiheitlichen Auffassung widersprechen. Wir können nur versuchen, ein gutes Beispiel zu geben, neues Wissen zu produzieren und zu verbreiten.

          Dass sich die Muslime in Deutschland zusammenschließen, ist eine Forderung der Politik. Ist es nicht dennoch problematisch, wenn Ditib-Vertreter zum Beispiel mit Funktionären zusammenarbeiten, deren Haltung weit weniger liberal ist und denen enge Kontakte zu fundamentalistischen Gruppen nachgesagt werden?

          Wir arbeiten mit allen Vereinigungen zusammen, die eine legale Basis haben. Es kann nicht sein, dass wir mit Vereinen zusammenarbeiten, die eine Bedrohung für das gesellschaftliche Zusammenleben darstellen. Wenn es dahin gehend Befürchtungen gibt, muss das entsprechend gewürdigt werden. Dann muss man sich darüber austauschen. Es kann sein, dass etwas radikalere Strömungen an der Zusammenarbeit der Muslime in Deutschland teilhaben, aber es ist die Überlegung wert, ob nicht diese, eben weil sie zu Dialogpartnern werden, auch einen gewissen Anpassungsprozess durchlaufen. Dass man im Verlauf dieses Prozesses einen gemeinsamen Nenner findet.

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