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Interview : „Unser Sieg ist uns teuer zu stehen gekommen“

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Lech Walesa: „Für einen Mentalitätswandel brauchen wir Generationen” Bild: REUTERS

Lech Walesa im Gespräch mit der F.A.Z. über die Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im Ostblock vor 25 Jahren, seinen Glauben und den Rücktritt von der Macht: „Die Demokratie war es mir wert.“

          Als Lech Walesa, ein entlassener Elektriker der Danziger Lenin-Werft, sich im August 1980 nach einem legendenumwobenen Sprung über die Werksmauer an die Spitze der streikenden Arbeiter Polens stellte, rechnete kaum jemand damit, daß damit das Ende der kommunistischen Diktaturen in Europa begonnen hatte.

          Walesa ist seither Gewerkschaftsführer, politischer Häftling, Friedensnobelpreisträger, Staatspräsident und zeitweise wieder Elektriker gewesen. Nächsten Mittwoch jährt sich die Gründung seiner oppositionellen Gewerkschaft „Solidarnosc“ zum 25. Mal.

          Herr Walesa, 25 Jahre nach dem Streik Ihrer Danziger Werftarbeiter von 1980 ist die Sowjetunion Geschichte, Deutschland vereinigt und Polen in der Europäischen Union. Sind Sie zufrieden?

          Wenn mir jemand damals gesagt hätte, daß ich Freiheit und Demokratie in Polen oder die Vereinigung Deutschlands noch erleben würde, ich hätte es nicht geglaubt. Trotzdem bin ich heute nicht euphorisch. Ich habe erst unterwegs erfahren, wie gefährlich unser Unternehmen war. Damals, auf der Höhe des Erfolgs, war ganz Polen, ganz Europa voll vom Gefühl des Sieges. Ich aber hatte damals schon Sorgen. Ich sagte meinen Kollegen: Wahrscheinlich verlieren wir die Werft, und ihr müßt noch hart arbeiten.

          Hat der Westen damals genug getan, um Polen zu helfen?

          Der Westen hatte uns damals zu unserer Revolution ermutigt. Wir erwarteten dafür allerdings, daß er uns so etwas wie einen Marshall-Plan anbieten würde - Unterstützung, um unser wirtschaftliches Potential für unseren gemeinsamen Wohlstand zu nutzen. Der Westen aber war auf so etwas nicht vorbereitet, so daß wir Polen erst im vergangenen Jahr, nach fast 25 Jahren also, der EU beitreten konnten. Unser Sieg ist uns deshalb teuer zu stehen gekommen.

          Die Freude an der Überwindung von Sowjetunion und Warschauer Pakt sowie an der deutschen Einheit hat uns Polen unsere gesamte Volkswirtschaft gekostet. Das beste Beispiel dafür ist die Danziger Werft, in der ich - mit Unterbrechungen - 20 Jahre lang gearbeitet habe. Früher gingen 98,5 Prozent unserer Produktion an die Sowjetunion.

          Heute ist dieser Absatzmarkt weg. Wir hatten damals, als die Solidarnosc entstand, überall exzellente Fachleute, und ich hoffte, daß der Westen ihnen helfen würde. Unsere Werftarbeiter hätten nicht unbedingt weiter Schiffe bauen müssen, aber man hätte sie verwenden können. Oder unsere Krankenschwestern: Wäre es damals wirklich so schwer gewesen, diese Leute für begrenzte Zeit aufzunehmen?

          Hat Deutschland mit seiner Vereinigung vom Mut der Polen profitiert, es dann aber versäumt, Solidarität zu zeigen?

          Die Deutschen glauben heute, die Berliner Mauer sei gefallen, weil die Flüchtlinge aus der DDR sie über die Tschechoslowakei und Ungarn umgangen haben. Meine Meinung war damals: Polen blutet, die Deutschen aber verlassen die eigene Erde und hauen ab. Sollen das Helden sein? - Das sind Deserteure!

          Hat Europa heute die moralische Pflicht, seine Grenzen für die Nachfolger der „Solidarität“ zu öffnen? Selbstverständlich. Aber es ist nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Kapitalismus setzt voraus, daß die Menschen frei sind - zum Vorteil aller.

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