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Interview : Neudeck: Es ist die Ruhe vor dem Sturm

  • Aktualisiert am

Zurzeit in Afghanistan: Cap Anamur-Gründer Neudeck Bild: dpa

Cap Anamur-Chef Rupert Neudeck befindet sich derzeit im Norden Afghanistans. FAZ.NET sprach mit ihm über seine Eindrücke.

          3 Min.

          Fast alle Hilfsorganisationen haben Afghanistan verlassen. Cap Anamur-Chef Rupert Neudeck hat seine guten Kontakte zur Nordallianz genutzt und ist in den Norden des Landes gereist, um eine Klinik aufzubauen. FAZ.NET sprach mit Neudeck über dessen Eindrücke.

          Herr Neudeck, Sie befinden sich zur Zeit direkt vor Ort in Afghanistan. Wo genau?

          Ich bin im Gebiet der Nordallianz, in Nordafghanistan. Den genauen Ort möchte ich nicht bekannt geben, aus Gründen, die glaube ich jedem Leser verständlich sind.

          Bekommen Sie dort etwas von den Kämpfen mit?

          Wir sind zwar in der Nähe der Front, aber von Kämpfen selbst kriegen wir nichts mit. Wir informieren uns auch nur über Transistorradios oder Agenturberichte. Die Stimmung hier ist so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Entweder wendet sich alles zum Guten, dann werden die Flüchtlinge zurückkehren können oder es endet in einem ziemlich chaotischen Wirrwarr mit einer Rückeroberung von Gebieten durch die Taliban. Dann wird es allerdings furchtbar werden.

          Wie ist die Situation der Flüchtlinge im Moment?

          Alarmierend. Die Bevölkerung und vor allem die Flüchtlinge innerhalb Afghanistans sind in einer scheußlichen Lage. Sie haben keinerlei Versorgung, und es kümmert sich auch niemand um sie, weil Staat und Gesundheitssystem gleichermaßen zusammengebrochen sind. Die Hilfsorganisationen, auch die Vereinten Nationen, sind ja fast alle raus aus dem Land. Ein paar wenige lokale Mitarbeiter bemühen sich, das Ganze aufrecht zu erhalten.

          Und wie sieht es konkret dort aus, wo Sie sich befinden?

          Hier sind sehr viele Flüchtlinge aus den Gebieten, die von den Taliban beherrscht werden. Sie sind in einer erbärmlich Lage. Es gibt hier keine fest umrissenen Camps, die vom UNHCR geleitet werden. Es gibt keine Hilfsleistungen, keine Unterkünfte, keinen Schutz und keine medizinische Versorgung. Das alles kann man in dieser Gegend, wo ich mich aufhalte, vergessen. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass neben der militärischen eine politisch-humanitäre Offensive gestartet wird.

          Wie sollte die aussehen?

          Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit, denn wir müssen die Hilfsgüter bis zum Winterbeginn am 15. November ins Land gebracht haben. Gerade heute hatten wir hier einen Kälteeinbruch, der sich gewaschen hat, und wir mussten feststellen, dass bislang noch nichts für den Winter vorbereitet ist. Das heißt, wir müssen unbedingt winterfeste Zelte, Schlafsäcke, Daunenjacken für die Kinder, Schuhe, Strümpfe, all so was reinbringen, denn sonst sterben uns hier die Menschen. In einem Ort, in dem ich gerade gewesen bin, sind im letzten Winter 50 Menschen einfach erfroren.

          Schließen Sie sich der Kritik vieler anderer Hilfsorganisationen an den Lebensmittelabwürfen der Amerikaner an?

          Ja. Solche Air-Dropping-Aktionen sind nicht viel mehr als Public-Relation. Sie führen erfahrungsgemäß nicht dazu, dass Menschen richtig versorgt werden. Gerade die Topographie Afghanistans lässt es auch gar nicht zu, dass man das vernünftig planen und machen kann.

          Wissen Sie eine Alternative?

          Es gibt zum Beispiel den Zugang über Tadschikistan. Der müsste erleichtert werden. Es gibt beispielsweise noch zu viele Schwierigkeiten mit dem Zoll. Vor fünf Tagen habe ich den Außenminister gebeten, sich darum zu kümmern. Und es gibt Usbekistan, das in der nächsten Zeit immer wichtiger werden wird für die humanitäre Versorgung. Ich hoffe, dass es der Bundesregierung gelingt, uns auch einen Weg über den Iran zu öffnen. Das sieht allerdings nach dem, was ich derzeit höre, ziemlich schlecht aus. Aber der Iran wäre eigentlich das Land, über das man am meisten Hilfe leisten könnte, weil dort im Land alles zu kaufen und über die Grenze zu bringen ist.

          Ist es nicht zu gefährlich für eine Hilfsorganisation, auf dem Landweg nach Afghanistan hineinzugelangen? Immerhin sind weite Gebiete vermint.

          Die Minengefahr ist groß. Aber das kennen wir aus verschiedenen anderen Ländern schon. Ich denke, die Gefahr ist nicht größer, als wir sie in Somalia hatten. Und sie ist auch nicht größer, als wir sie in Ruanda oder Angola hatten. Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen, auch ohne immer vorher schon alle Sicherheitsrisiken auszuschalten. Die Menschen hier müssen ja auch damit leben.

          Warum halten Sie sich gerade in Nordafghanistan auf?

          Wir sind dabei, eine Klinik einzurichten als so genanntes Referenzzentrum für die medizinische Versorgung. Aber wir haben gemerkt, dass wir zusätzlich noch eine ganze Menge von Flüchtlingen versorgen müssen. In einem der so genannten Lager bauen wir gerade eine Ambulanz auf. Weitere sollen folgen. Zusätzlich müssen wir uns auch um Nahrungsmittel kümmern.

          Viele andere Organisationen stehen derzeit an den Grenzen rund um Afghanistan gewissermaßen vor verschlossener Tür. Wie ist es Ihnen gelungen, in das Land hinein zu kommen?

          Ich kenne das Land schon aus der Zeit des Krieges mit der Sowjetunion. Und ich hatte damals gute Kontakte zu dem ehemaligen Anführer der Nordallianz, Shah Achmed Massud und seinen Leuten. Massud genießt hier übrigens zurecht eine große Popularität. Ich habe meine guten Kontakte dann reaktiviert bei der Entscheidung von Cap Anamur, über welches Land wir nach Afghanistan reingehen. Deshalb haben wir uns für Tadschikistan entschieden. Dort habe ich mich dann umgehend mit den Vertretern getroffen, die ich auch aus dem letzten Krieg noch kenne.

          Haben Sie keine Angst, politisch instrumentalisiert zu werden?

          Nein, diese Angst habe ich nicht. Ich denke, dass die Arbeit hier als Hilfsorganisation mit der uns verpflichtenden Unabhängigkeit sehr wohl möglich ist. Ich werde niemals in meinem Leben ein politischer Eunuch sein und mir mein Urteil über bestimmte Regime verbieten lassen.

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