https://www.faz.net/-gpf-98lxx

Rabbiner Pinchas Goldschmidt : „Antisemitismus ist Problem der Integration“

  • -Aktualisiert am

Tausende Franzosen haben am Mittwoch nach dem Mord an einer Holocaust-Überlebenden in Paris gegen Antisemitismus protestiert. Bild: Reuters

Die Debatte über Antisemitismus in Europa ist neu entbrannt. Im Interview spricht der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz über religiösen Radikalismus – und Wege zur Lösung des Problems.

          Herr Goldschmidt, in Paris wurde zuletzt eine Holocaust-Überlebende ermordet, in Berlin werden jüdische Kinder in Schulen gemobbt. Müssen Juden in Europa wieder Angst haben?

          Das Jahr 2017 war ziemlich ruhig und wir hofften, dass es 2018 noch besser werden würde. Leider gab es dieses Jahr in Frankreich aber bereits zwei religiös motivierte Attentate: die Geiselnahme in einem Supermarkt in Südfrankreich und die Ermordung einer Holocaust-Überlebenden in Paris. Auch wenn die europäische Kommunikation zum Austausch von Informationen über Verdächtige und Terroristen besser geworden ist, bleibt das Problem von Einzeltätern bestehen. Viele radikalisieren sich, ohne dass es jemand mitbekommt. Das ist sehr problematisch für die generelle Sicherheit und die Sicherheit der jüdischen Gemeinde in Europa.

          Gibt es einen „eingewanderten“ Antisemitismus?

          Das Problem existiert nicht nur bei Einwanderern, sondern auch bei der zweiten Generation, die schon in Europa geboren und aufgewachsen ist. Es ist ein Problem der Integration, ein Problem von jenen Migrantenfamilien, die sich nur schwer mit europäischen Werten und dem Pluralismus identifizieren.

          Wie erleben Sie persönlich das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen?

          Ich glaube, das Zusammenleben ist möglich. Dafür gibt es auch historische Beweise, wie zum Beispiel in Spanien im 13. Jahrhundert. Von alleine wird das aber keine Realität, die muss erst durch Integrationsarbeit der geistlichen Führung, also Predigern und Imamen, in Zusammenarbeit mit dem Schulwesen und Erziehungskräften geschaffen werden.

          Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, hat im ZDF von einer „Bringschuld der Muslime“ gesprochen.

          Das, was in den Moscheen gepredigt wird, hat großen Einfluss auf die Glaubensgemeinde. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass nicht nur auf Arabisch, sondern auch auf Deutsch gepredigt wird. Die europäische Rabbinerkonferenz hat nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo 2015 ein Manifest mit verschiedenen Ideen für den Kampf gegen den religiösen Radikalismus verabschiedet.

          Pinchas Goldschmidt ist gebürtiger Schweizer, Ober-Rabbiner von Moskau und seit 2011 Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, die zirka 400 Rabbiner von Dublin in Irland bis Chabarowsk in Russland vereint.

          Welche Ideen sind das?

          Es sind drei. Die erste Idee bezieht sich auf die Erziehung und Lehre der geistlichen Führung. Sie muss in Europa stattfinden. Sollte die Bildung irgendwo anders stattfinden, dann nur in – durch zum Beispiel die OSZE – zertifizierten Einrichtungen, die nicht radikal sind. Bringen Glaubensvertreter Radikalismus aus anderen Teilen der Erde nach Europa, ist das eine große Gefahr. Die zweite Idee betrifft die Finanzierung von religiösen Gemeinden. Diese sollten nicht von Institutionen oder Personen finanziert werden, die an Radikalisierung interessiert sind. Drittens glauben wir, dass es in jeder religiösen Gemeinde eine Person geben sollte, die darauf achtet, wie die religiösen Texte ausgelegt werden.

          Die Ideen beziehen sich also gleichermaßen auf das Judentum, das Christentum und den Islam?

          Ja, wenn wir von dem Kampf gegen den Radikalismus sprechen, machen wir keinen Unterschied zwischen den Religionen. Wir haben das Manifest an alle europäischen Innenminister geschickt. Es gab auch ein paar positive Rückmeldungen. Zwei Staaten in Europa haben unsere Vorschläge sehr ernst genommen und die Ideen teilweise umgesetzt: Österreich und Frankreich.

          Was ist mit Deutschland?

          Bisher kam keine Reaktion auf das Manifest.

          Gerade wird in Deutschland der Vorschlag diskutiert, dass Imame gemeinsam mit Rabbis in Schulen gehen. Was halten Sie davon?

          Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. In Bezug auf den interreligiösen Dialog ist in Deutschland aber noch viel zu tun. Wir müssen mit der geistlichen islamischen Führung zusammenarbeiten, um dem Antisemitismus, der in vielen Haushalten existiert, den Kampf anzusagen.

          In Deutschland liegt der Fokus der Debatte aktuell auf dem muslimisch geprägten Antisemitismus. Geraten dabei rechtsextremen Taten in den Hintergrund?

          Radikale Religiöse haben kein Monopol auf Antisemitismus. Er ist auch unter den extremen Rechten in Europa sehr verbreitet. Vor Kurzem hat Björn Höcke von der AfD noch gesagt, dass das Schoa-Denkmal in Berlin eine Schande sei. Ich glaube, das Problem existiert bei den extremen Rechten wie auch bei den extremen Linken, die zum Beispiel äußerst kritisch gegenüber Israel eingestellt sind.

          Was halten Sie von der Idee, antisemitische Straftaten zentral zu erfassen?

          In Frankreich wird in der Tat jede rassistisch motivierte Tat erfasst. Dort wird auch strenger und schärfer dagegen vorgegangen als in Deutschland.

          Was müsste die Politik in der Praxis tun, um gegen Antisemitismus anzukämpfen?

          Sie muss Deutschlands Straßen, Schulen und Bahnhöfe wieder sicher machen. Die aktuelle Unsicherheit bringt Ängste mit sich, die Rassismus hervorrufen und das demokratische System in Frage stellen.

          Weitere Themen

          Ein Zusammenprall der Kulturen?

          Vor 30 Jahren : Ein Zusammenprall der Kulturen?

          Vor 30 Jahren rief der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie und seinen Unterstützern auf. Leben wir seither in einem neuen Zeitalter der Blasphemie?

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.