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Interview mit Oskar Lafontaine : „Globalisierung führt zu Leid und Elend“

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„Ein Vorstand sollte die Belegschaft motivieren, nicht erpressen und beleidigen” Bild: AP

Linksfraktionschef Oskar Lafontaine erklärt im F.A.Z.-Interview, wie seine Partei mit der SPD Hase und Igel spielt, warum er Spitzenmanagern das Gehalt kürzen will und warum die Globalisierung mehr Schaden als Nutzen bringt.

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          „Beim Mindestlohn läuft die SPD uns hinterher“, sagt Oskar Lafontaine, Fraktionschef der „Linken“ im Bundestag. Die Forderungen seiner ehemaligen Partei hält er für unglaubwürdig. Die SPD hätte ja während der Regierungszeit von Rot-grün Zeit genug gehabt, den Mindestlohn einzuführen. Viel Verständnis zeigt Lafontaine im F.A.Z.-Interview hingegen für die globalisierungskritischen Demonstranten in Rostock.

          Herr Lafontaine, welches ist Ihr liebstes Märchen?
          Da käme ich in Schwierigkeiten: Rotkäppchen, Rumpelstilzchen, Rapunzel.

          Ich vermute, auch „Der Hase und der Igel“.
          Das hat mir jedenfalls immer sehr gut gefallen.

          Das denke ich mir. Schließlich betreiben sie genau dieses Spiel gerade mit der SPD. Wann immer die Sozialdemokraten etwas fordern, sagen sie: Das haben wir längst in den Bundestag eingebracht.
          Das kann man so sehen. Wir sind der Igel, der sagt: Hier sind wir. Aber noch mehr sind wir diejenigen, die im Bundestag neue Themen bringen. Das wird aber leider immer noch zu wenig registriert.

          „Manager sind total unglaubwürdig”: Oskar Lafontaine

          Was ist das Ziel dieses Hase-und-Igel-Spiels? Wollen sie die SPD bloßstellen?
          Das Ziel ist einfach, für unsere Vorstellungen zu werben. Wir haben zum Beispiel den Mindestlohn im Bundestag zum zentralen Thema gemacht. Das ist ein klassischer Fall, wo die SPD uns hinterherläuft. Sie hatte ja sieben Jahre die Möglichkeit, den Mindestlohn mit den Grünen durchzusetzen. Es ist unglaubwürdig, wenn man, wie die Sozialdemokraten es tun, die Bürger einen Antrag für den Mindestlohn unterschreiben lässt und diesen Antrag dann, wenn wir ihn einbringen, in den Ausschuss abschiebt.

          Wenn die SPD ihrem Antrag zugestimmt hätte, wäre das ein offener Koalitionsbruch gewesen. Erkennen sie die Zwänge der großen Koalition nicht an?
          Sicher, aber der Verweis auf den Koalitionspartner ist deshalb problematisch, weil die SPD den Mindestlohn in ihrer Regierungszeit mit Rot-Grün hätte durchsetzen können und weil sie es versäumt hat, den Mindestlohn in der Koalitionsverhandlung zur Bedingung zu machen.

          Die Linkspartei fordert acht Euro die Stunde. Befürchten sie nicht, dass durch einen so hohen Mindestlohn gerade in Ostdeutschland viele Arbeitsplätze vernichtet würden?
          Nein, das hat uns in unserer Anhörung unter anderen der Präsident des britischen Unternehmerverbands bestätigt.

          Hase und Igel spielen sie auch bei den Managergehältern. Bundesarbeitsminister Franz Müntefering hat sich dieser Tage nicht nur für ein Mindest-, sondern auch für ein Höchsteinkommen ausgesprochen.
          Auch das haben wir längst gefordert und uns dabei an dem Investmentbanker Morgan von Morgan Stanley orientiert, der gesagt hat, mehr als das Zwanzigfache des niedrigsten Einkommens dürfe einer seiner Manager nicht verdienen. Das ist eine sittliche Entscheidung. Müntefering hat unseren Antrag im Bundestag ebenso abgelehnt wie das Verbot der Hedge-Fonds. Wir wollten die Glaubwürdigkeit der SPD testen, die in Wahlkämpfen immer vor den Heuschrecken warnt.

          Nach ihrer Zwanziger-Regel dürfte ein Manager kaum mehr als eine halbe Million Euro im Jahr verdienen. Müssen sie nicht befürchten, dass man für so eine Summe Top-Leute nicht nach Deutschland bekommt?
          Nein, diese Befürchtung habe ich nicht. In Deutschland arbeiten überwiegend deutsche Manager. Von einem Exodus deutscher Manager nach Amerika ist nichts bekannt. Das Problem ist ein anderes. Die Manager sind total unglaubwürdig, weil sie sagen, die Globalisierung erzwinge ein ständiges Absenken der Löhne der Beschäftigten, aber eine ständige Steigerung der Managergehälter. Auch Managergehälter sind Kosten.

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