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Interview : Medienforscher Kepplinger: Der "Kampa"-Mythos ist weg

  • Aktualisiert am

Müntefering vor der „Kampa” - so fing alles an Bild: dpa

Der Mainzer Medienforscher Kepplinger räumt dem "preußischen Herrenreiter" Stoiber nicht nur im Fernseh-Wahlkampf gute Chancen ein. Ein FAZ.NET-Interview.

          4 Min.

          In der "Kampa" der Sozialdemokraten und im Konrad-Adenauer-Haus der Union hat der Wahlkampf längst begonnen. Kanzler Schröder und sein Herausforderer Stoiber sollen bestmöglich an den Wähler gebracht werden. Der Mainzer Medienforscher Hans Mathias Kepplinger sprach mit FAZ.NET über den "preußischen Herrenreiter mit aristokratischer Erscheinung", den Mythos "Kampa" und ein überschätztes Fernsehduell.

          Glaubt man den Fernsehanstalten, fiebert die Nation einem Fernsehduell zwischen Kanzler Gerhard Schröder und seinem bayerischen Herausforderer Edmund Stoiber entgegen. Entscheidet sich die Wahl innerhalb von zwei Stunden auf dem Bildschirm?

          Nein. Fernsehduelle, etwa das zwischen Kennedy und Nixon, werden in der Öffentlichkeit weit überschätzt. Es gibt überhaupt keinen tragfähigen Beweis dafür, dass dieses Duell, in dem in der Tat Kennedy den besseren Eindruck gemacht hat, die Wahl entschieden hätte. Die Idee, dass man mit einer einzigen Fernsehdebatte Hunderttausende bewegt, ist naiv.

          Medienforscher Kepplinger: „Stoiber hat die große Chance”

          Sie haben geschrieben, Starpolitiker unterschieden sich bei gleicher Kompetenz durch die Fähigkeit zu fernsehgerechten Auftritten. Hat dies Ihrer Meinung nach innerhalb der Union eine Rolle gespielt?

          Ja. Ganz eindeutig zeigen unsere Umfragen, dass Stoiber als der aussichtsreichere Kandidat gilt. Frau Merkel vermittelt über das Fernsehen nicht hinreichend den Eindruck, dass Sie in der Lage ist, die anstehenden Probleme zu lösen.

          Und Stoiber?

          Bei Stoiber dürfte das eher der Fall sein, allerdings liegen mir dazu keine eigenen Daten vor.

          Übertragen auf das Duell Schröder und Stoiber: Wer ist dort im Vorteil?

          Hier muss man zwei Dinge auseinanderhalten. Das eine ist die objektive Sachlage, und das zweite ist die Fernseh-Performance von Schröder und Stoiber. Im Moment sprechen so viele Daten gegen die SPD, dass die sehr gute Fernseh-Performance von Schröder nicht ausschlaggebend wäre. Stoiber hat so viele sachlich durchschlagende Argumente, dass auch ein brillant aufgelegter Schröder wenig Chancen hätte, gut auszusehen. Für den Fernsehwahlkampf kommt es aber nicht so sehr darauf an, wer die besseren Argumente hat. Es kommt vor allem darauf an, wer den überzeugenderen Eindruck macht.

          Welcher der beiden Kandidaten kann sich denn nun besser verkaufen? Ist Medienliebling Schröder gegenüber dem als hölzern und eher steif etikettierten Stoiber im Vorteil?

          Schröder versteht es, die Dinge in einer abschließend wirkenden Weise zu artikulieren. Jede seiner Stellungnahmen klingt so, als ob es das letzte Wort sei. Das ist zwar in der Regel nicht der Fall, aber im Moment erweckt es den Eindruck. Stoiber hat - bei aller Sachkompetenz - die Schwäche, dass er den Eindruck vermittelt, als wolle er dem Zuhörer seine Argumente geradezu aufzwingen. Das ist für den Adressaten unerfreulich. Deshalb entsteht unbewusst ein gewisser Widerstand gegen seine Argumente. Stoiber muss darauf achten, dass der Vorteil, den seine Argumente bieten, nicht umschlägt in eine abweisende Grundhaltung des Publikums.

          Eine Parallele zu seinem Vorgänger Strauß?

          Genau. Strauß war in allen Fernsehdebatten, die wir damals sehr differenziert analysiert haben, immer der kompetenteste Debattenredner. Er hat aber immer am schlechtesten abgeschnitten. Genscher hat immer am wenigsten Substanzielles geäußert, hat aber den besten Eindruck hinterlassen.
          Stoiber muss sich beraten lassen und sich kontrollieren; beides gehört zusammen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass auf Dauer seine Vorteile zum Nachteil werden.

          Welche Vorteile meinen Sie genau?

          Ein Vorteil ist sein enormes Sachwissen. Ein weiterer Vorteil ist seine Erscheinung. Er ist im Grunde eher der preußische Herrenreiter als der bayerische Biertisch-Politiker. Er ist, wenn Sie so wollen, eine aristokratische Erscheinung im Vergleich zu vielen anderen. Inklusive Schröder.

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