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Interview : Köcher: "Die Wechselstimmung verstärkt sich"

  • Aktualisiert am

Reif für den Wechsel Bild: dpa

Stoiber solle kein "Show-Mann" werden, rät im FAZ.NET-Interview die Geschäftsführerin der Demoskopen aus Allensbach.

          Das Meinungsklima in Deutschland ändert sich im Moment. Das geht aus dem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Januarbericht des Institutes für Demoskopie Allensbach. Im FAZ.NET-Interview bekräftigt das die Leiterin des Institutes, Renate Köcher. Stoiber rät sie, er solle kein "Show-Mann" werden.

          Sie haben vor kurzem bei der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth erklärt, es sei noch keine Wechselstimmung zu erkennen. Hat sich das inzwischen geändert?

          Die Wechselstimmung verstärkt sich im Moment. Sie hat im Januar zugenommen.

          Viele reden von einer Amerikanisierung des Wahlkampfes. Und Sie?

          Dieser Trend konnte sich auf dem europäischen Kontinent und speziell in Deutschland nie so entfalten wie in Amerika, wo man ein überwiegend unpolitisches Publikum hat. Deutsche interessieren sich viel mehr für Politik, als das Amerikaner tun. Deutsche wissen auf diesem Gebiet im Durchschnitt auch mehr. Von daher sind harte Sachthemen oder Vertrauen in Kompetenz wichtiger als Showeffekte.

          Die Aktionen des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle, seines Stellvertreters Jürgen Möllemann oder auch die Talkshows der SPD-Politikerin Ute Vogt im baden-württembergischen Wahlkampf haben also keine Langzeitwirkung?

          Die FDP profitiert noch in hohem Maße von "windfall profits" der Probleme der Union aus den letzten zwei Jahren. Sobald die Union wieder stärker wird, wird die FDP wieder nach unten gehen, wenn sie nicht für die Wähler auch inhaltlich zum Schwergewicht wird. In Baden-Württemberg hat Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) mit seiner ganz soliden Leistungsbilanz die Wähler mehr beeindruckt als Frau Vogt.

          Aber sie hat immerhin acht Prozent dazugewonnen...

          ...von einem vorherigen Tiefstand, von dem man eigentlich nur dazugewinnen konnte.

          Wie wichtig sind eigentlich Fernsehauftritte beziehungsweise Fernsehduelle?

          Fernsehauftritte sind wichtig aufgrund der Reichweite, die man damit erzielt und aufgrund der Möglichkeiten des Fernsehens, Personenwahrnehmungen zu beeinflussen.

          Hat sich Unionskandidat Edmund Stoiber mit seinen ersten TV-Auftritten geschadet?

          Das glaube ich nicht. Die Leute erwarten viel von ihm. Das ist aber nicht primär, dass er sich in Talkshows gut präsentiert. Von Stoiber wird vor allem überzeugende Sacharbeit erwartet.

          Welche Rolle spielen Fernsehduelle kurz vor der Wahl?

          Man kann bezweifeln, dass sie wahlentscheidende Bedeutung haben werden.

          Die Wahl wird also nicht im Fernsehen entschieden...

          Die Wahl wird natürlich durch die Fernsehberichterstattung mit entschieden, aber nicht durch einzelne Auftritte der Kandidaten im Fernsehen. Da geht es vielmehr darum, welche Themen in der Medienberichterstattung dominieren. Ist es noch die wirtschaftliche Lage, oder werden es andere Themen sein? Dann ist die Frage, wie sich das Vertrauen in die handelnden Personen entwickelt. Nicht zuletzt ist die Geschlossenheit der beiden großen Volksparteien ein ganz wesentlicher Punkt.

          Stoibers Medienberater, Michael Spreng, hat gesagt, es sei eher ein Vorteil Stoibers, dass er kein Show-Mann sei. Sehen Sie das auch so?

          Es wäre mit Sicherheit nicht vernünftig, wenn Stoiber jetzt versuchen würde ein Show-Mann zu werden und auf diesem Gebiet gegen Schröder anzutreten. Stoibers Bild ist ein anderes. Er verkörpert den Sachpolitiker, der am Schreibtisch sitzt und alles 180prozentig hinkriegen will und der sehr ehrgeizig in der Person und der Sache ist. Das Spannende an diesem Personenduell ist, dass hier zwei sehr unterschiedliche Personen gegeneinander antreten.

          Es fällt auf, dass sich die Bundeskanzler und jetzt auch der Kandidat ihre Medienberater von der "Bild"-Zeitung holen. Woran liegt das?

          Das hat nichts mit Amerikanisierung zu tun. In einer modernen Mediendemokratie spielen die Medien im Wahlkampf eine ganz wesentliche Rolle. Von daher ist das nur zu verständlich.

          Aber man könnte ja auch Berater von der "FAZ" nehmen.

          Ich würde einen Wahlkampf nie auf eine Elite anlegen. Man will ja die Masse der Wähler gewinnen. Das Interessante war, dass die Wahl 1998 eher in den unteren Bevölkerungsschichten und bei den politisch Desinteressierten entschieden wurde. Die politisch Interessierten haben nicht wesentlich anders gewählt als 1994. Auf die großen Verheißungen reagierten politisch Desinteressierte stärker, weil sie nicht so sehr hinterfragen, ob es zum Beispiel realistisch ist, dass die Absenkung des Rentenniveaus problemlos zurückgenommen werden kann oder dass die Medikamentenzuzahlungen zurückgeschraubt werden können, ohne dass irgendwann die Folgekosten hinterher kommen.

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