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Interview : Etzioni: Europa verhält sich zynisch

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Amitai Etzioni: „Am Ende braucht Europa Amerika” Bild: picus verlag

Amitai Etzioni fehlen selten die Worte. Als Europa mit dazu beitrug, dass die USA in der Menschenrechtskommission durch den Sudan ersetzt wurden, verschlug es dem Soziologen die Sprache. Ein FAZ.NET-Gespräch.

          Amitai Etzioni gehört zu den geistigen Vätern des Kommunitarismus. Die Werke des Sozialwissenschafters, der 1929 unter dem Namen Werner Falk in Köln geboren wurde und über Palästina nach Amerika kam, haben die Debatte über eine Wiederbelebung des Gemeinwesens mitbestimmt. In den 90er Jahren sah er viele seiner Argumente ins Regierungsprogramm Bill Clintons einfließen. Etzioni, der Soziologie an der George-Washington-University in der amerikanischen Hauptstadt lehrt, betrachtet die Politik George Bushs skeptisch. Die Aufregung in Europa kann er aber nicht nachvollziehen.

          Europa ist, höflich gesagt, irritiert über Amerika. Kyoto-Aufkündigung, NMD-Alleingang, Streichung der UN-Zahlungen - George Bush setzt derzeit auf Konfrontation. Hat Washington ein Problem mit internationaler Zusammenarbeit?

          Ja, die Vereinigten Staaten sind ein sehr konservatives Land. Große Teile der restlichen Welt kann man, grob gesagt, als links orientiert einordnen; Europa tendiert zumindest dahin. Da gibt es grundlegende Wertunterschiede. Das bewirkt, dass sich Amerika nicht nach Multilateralismus sehnt.

          Kann man sagen, dass der Kosmopolit Clinton durch einen „lonesome Cowboy“ Bush ersetzt wurde?

          Nun, ich habe Bush nicht gewählt. Das will ich klarstellen. Aber der Begriff „Cowboy“ ruft doch Vorurteile hervor. Was man in Europa verstehen muss, ist, dass es in Amerika nun einmal eine sehr große konservative Mehrheit gibt. Wenn nun die bayrische CSU Deutschland regierte, würde sich das sicher auch in der deutschen Außenpolitik niederschlagen. Wir werden von dem Äquivalent der CSU regiert - und die macht zwar hier und da eine Geste für die politische Mitte, aber der Kern der republikanischen Partei ist sehr konservativ.

          Hier zu Lande sind viele Beobachter überrascht, dass Bush einerseits Freund und Feind verstimmt und andrerseits in den Vereinigten Staaten sehr gute Umfragewerte erzielt. Provokant gefragt: Sind die Amerikaner Chauvinisten?

          Provokant geantwortet: Die Europäer haben kein Wahlrecht in den Vereinigten Staaten. Wir leben in einer Demokratie und Europa denkt, es hätte hier ein Stimmrecht. Das ist aber nicht so. Nochmals, ich möchte nicht wie ein Anwalt der amerikanischen Administration klingen, aber es geht hier einfach um mehr als um einen Mann, der ein wenig aus der Reihe tanzt. Europa kann sich beschweren und meckern - am Ende brauchen sie doch unseren Schutz. Die Europäer sind nicht in der Lage, kleine Probleme in ihrem Hinterhof ohne uns zu lösen, wie man in Bosnien gesehen hat. Wir erleben ein Wirtschaftswunder - die Europäer sind unfähig, ihren Markt zu ordnen.

          Es gibt in Amerika das Gefühl, so außergewöhnlich und mächtig zu sein, dass man auch alleine zurechtkommt. Die Vereinigten Staaten haben sich nie um UN-Resolutionen geschert. Eine zeitlang haben die Amerikaner die Vereinten Nationen benutzt, wie etwa im Korea-Krieg. Heute nutzen die UN aber den Vereinigten Staaten nicht mehr. Wenn es nach den Konservativen ginge, könnten die UN morgen geschlossen werden.

          Es verwundert aber, dass es keine amerikanischen Proteste gegen die neue Regierung gab, nachdem das Kyoto-Protokoll für tot erklärt worden war. Spielt Umweltschutz keine Rolle in Amerika?

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