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Interview : Embryonen haben Menschenwürde

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EKD-Ratspräsident Manfred Kock Bild: dpa

Auch Embryonen schützt das Grundrecht auf menschenwürdige Behandlung. Das sagt der Ratspräsident der EKD, Manfred Kock, im FAZ.NET-Interview. Er kritisiert den künftigen Staatsminister für Kultur, Nida-Rümeling, der Embryonen dieses Recht abspricht.

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          Der künftige Kulturstaatssekretär und erste Lehrstuhlinhaber für Bioethik an der Universität Tübingen, Julian Nida-Rümelin, hat in einem Zeitungsartikel Embryonen im frühesten Stadium die Menschenwürde abgesprochen, warnt aber zugleich vor dem Klonen von Menschen. Manfred Kock, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, widerspricht dem künftigen Staatsminister und warnt davor, die Würde des Menschen an irgendein Stadium der menschlichen Entwicklung zu binden.

          Die Befürworter der embryonalen Stammzellenforschung erhoffen sich bahnbrechende medizinische Fortschritte. Die Gegner sehen darin eine Verletzung der Menschenwürde. Wo ordnen Sie sich in dieser Debatte ein?

          Ich bin ein Gegner des therapeutischen Klonens und der Forschung an embryonalen Stammzellen. Hier wird eine Grenze überschritten, die man nicht überschreiten darf. Wir wissen, dass es Alternativen gibt. Nicht nur Theologen, sondern auch Genetiker diskutieren die Nutzung adulter Stammzellen. Die Forschung, die in Großbritannien nun erlaubt wird, muss nicht unbedingt ein Fortschritt sein. Es ist zwar verlockend, wenn den Menschen gesagt wird, man könne auf diese Weise viele Krankheiten heilen, für die heute noch keine Hilfe in Sicht ist wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Krebs. Aber der Zweck heiligt die Mittel nicht. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir keine Forschung zulassen dürfen, die Embryonen nur zu dem Zwecke herstellt, sie anschließend auszuschlachten.

          Die Kritiker des therapeutischen Klonens stützen sich auf das Argument, Embryonen seien schon menschliche Wesen und stünden deshalb unter besonderem Schutz. Gegner dieser These sehen aber in einem wenige Tage alten Zellhaufen noch kein menschliches Individuum.

          Es ist eine Grundsatzfrage, welche ethische Position man vertritt. Ich selber meine, dass es keine Möglichkeit gibt, das Datum der Menschwerdung durch irgendeine wissenschaftliche Definition nach hinten zu verschieben. Das vermittelt uns auch die christliche Überlieferung. Wenn Sie sich darauf einlassen, das Leben erst zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung beginnen zu lassen, können Sie diesen Moment bis zur Geburt hinausschieben. Wenn es nur darum geht, wie ich es bei Herrn Nida-Rümelin gelesen habe, dass die Würde eines Menschen nur dann verletzt ist, wenn er diese Würde auch selbst beanspruchen kann, dann könnten Menschen, die sich wegen einer Geisteskrankheit so nicht äußern können, nie eine Würde haben. Menschen, die apallisch sind und mit Maschinen am Leben erhalten werden, würden ebenfalls ohne Würde sein. Ich denke, dass ein Mensch Mensch ist, wenn Samen und Ei miteinander verschmolzen sind. Dann hat er seine Identität und steht unter dem Gebot des Schutzes des Lebens.

          „Das Menschsein ist nicht abhängig von irgendeiner Fähigkeit“

          Herr Nida-Rümelin schreibt, die Achtung der Menschenwürde sei dort angebracht, wo die Voraussetzungen erfüllt sind, dass ein menschliches Leben entwürdigt werde, ihm seine Selbstachtung genommen werden kann. „Die Selbstachtung eines Embryos lässt sich nicht beschädigen.“

          Ich weise diesen Aspekt der Argumentation von Nida-Rümelin zurück. Es hängt eben gerade nicht vom Menschen selbst ab, ob er seine Würde in Anspruch nehmen kann. Menschenwürde ist etwas, was dem Menschen von Gott gegeben ist. Das Menschsein ist nicht abhängig von irgendeinem Zustand, einer Fähigkeit oder einer Eigenschaft. Das Menschsein selbst ist sein Wesen, von Anfang an, auch im embryonalen Zustand.

          Bei der Stammzellenforschung treffen zwei Weltbilder aufeinander: Die einen meinen, Menschenwürde stehe jedem zu. Man könne sie nicht erwerben. Diese Haltung folgt der christlichen Tradition und herrscht in Deutschland vor. Die anderen sagen, Würde stehe nur einem Menschen zu, der auch „Person“ ist, mit eigenem Bewusstsein und Interessen. Diese Position wird beispielsweise von dem australischen Philosophen Peter Singer vertreten. Ist diese Auseinandersetzung nicht eigentlich eine Scheindebatte, weil in Deutschland die Mehrheit der Ethiker und Politiker die Singer-Position ablehnen?

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