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Interview : „Druck auf Konfliktparteien in Mazedonien erhöhen“

  • Aktualisiert am

UCK-Kämpfer ziehen in den Krieg. Bild: dpa

Konrad Clewing, Albanien-Fachmann am Südost-Institut, fordert im FAZ.NET-Gespräch im Mazedonien-Konflikt „massiven Druck von außen“. Nur so sei eine Einigung zu erreichen.

          3 Min.

          Stärkeren Druck der Staatengemeinschaft auf die Konfliktparteien in Mazedonien fordert Konrad Clewing, Historiker am Südost-Institut in München. „Neben einer dauerhaften Präsenz ist es entscheidend, dass die Gespräche in Ablauf und Resultat dezidiert beeinflusst werden“, sagte der Albanien-Fachmann im FAZ.NET-Gespräch.

          Herr Clewing, welche albanischen Parteien gibt es in Mazedonien?

          Traditionell gibt es in Mazedonien zwei politische Parteien, die inzwischen beide an der Regierung beteiligt sind. Als dritte Kraft hat sich dank ihres gewaltbereiten Auftretens die Nationale Befreiungsarmee UCK neu etabliert. Die UCK hat im Kosovo gelernt, dass man seine Ziele mit Gewalt erreichen kann, sowohl international als auch innerhalb der Albaner. Damit konnten sie sich politisch platzieren. Bis vor sechs Monaten hat man nichts von ihr gehört, jetzt sind sie plötzlich ein ernstzunehmender Faktor in der politischen Entwicklung, über die sich alle Sorgen machen.

          Wie viele Männer hat die UCK denn eigentlich unter Waffen?

          Es gibt sehr schwankende Zahlen. Der Kern besteht wahrscheinlich wirklich nur aus einigen Hundert Mann.

          Wie steht es mit der Bewaffnung der UCK?

          Sie verfügen über leichte Bewaffnung, die aus dem Kosovo stammt. Man kann sagen, die Kämpfer kommen aus Mazedonien, die Waffen aus dem Kosovo, teilweise aber aus Südserbien.

          Welche Ziele verfolgen die albanische Konfliktparteien in Mazedonien?

          Auf der deklaratorischen Ebene ist die Übereinstimmung groß. Zwischen Parteien und UCK herrscht Übereinkunft darüber, dass die albanische Minderheit der mazedonischen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt werden muss. Dazu gehört unter anderem die Anerkennung des Albanischen als Staatssprache. Mittlerweile ist die Forderung hinzugekommen, dass ein Albaner Vizepräsident werden müsse und es bei zahlreichen Entscheidungen albanische Veto-Mechanismen geben solle. Das würde auf eine Blockierung des mazedonischen Staates hinauslaufen, die nicht akzeptiert werden kann.

          Wie stehen die albanischen politischen Parteien zur UCK?

          Die albanischen Parteien in Mazedonien nehmen im Moment, mit Hinblick auf ihre Klientel, Rücksicht auf die Forderungen der UCK. Auf Dauer kann bei ihnen aber kein Interesse daran bestehen, einen Mitspieler zu haben. Die UCK hat Interesse an ihrer Etablierung als politischer Macht. Der Moment wäre günstig, die gemäßigten Forderungen zu erfüllen, dann hätte sich der Daseinszweck der UCK erfüllt. Extremeren Ideen wie etwa einer Föderalisierung müsste man sich entgegenstellen. Aber diese Ideen sind auch bei der albanischen Bevölkerungsgruppe nur bedingt populär. Die Bevölkerung in Mazedonien lebt im Gegensatz zum Kosovo vielerorts sehr gemischt. Somit würden im Falle einer Föderation zahlreiche Albaner außerhalb des albanischen Föderationsteils bleiben.

          Wie groß sind die Chancen auf eine Einigung?

          Eine Einigung wird es nur auf massiven Druck von außen geben. Das Verhalten der ethnischen Konfliktparteien ist von großem Misstrauen geprägt. Beide Volksgruppen hatten traditionell schon immer wenig miteinander zu tun. Aber durch die jüngsten Ereignisse ist die schmale gemeinsame Basis ganz weggebrochen.

          Wie tief ist die UCK in der Bevölkerung verwurzelt?

          Der Rückhalt für die UCK ist schwankend, aber das militärische Vorgehen der mazedonischen Armee treibt der UCK Anhänger zu. Die größte Demonstration in Mazedonien mit ungefähr 30.000 albanischen Teilnehmern fand im März in Skopje statt und war strikt gegen die militärischen Aktionen der albanischen Rebellen.

          Müssen nicht endlich die Waffen abgegeben werden

          Die Waffen sind nicht das Schlimme, sofern sie schweigen. Schlimm ist, wenn keine politische Lösung gefunden wird.

          Wie könnte Druck von außen aussehen?

          Man muss beiden Parteien klarmachen, dass sie in ihren extremen Positionen keinen Rückhalt genießen. Man muss den Beteiligten deutlich machen, dass sie für ihre Taten, also auch eventuelle Kriegsverbrechen, verantwortlich gemacht werden können. Die Verhandlungspartner müssen in eine Art Klausurtagung unter Federführung der internationalen Gemeinschaft. Die Vereinigte Staaten muss auf jeden Fall beteiligt werden, weil die Europäische Union das allein nicht schaffen wird.

          Was versprechen sich die Parteien davon, wenn sie um Vermittlung bitten?

          Die UCK will in ganz Mazedonien eine Militärpräsenz der Nato, weil aus albanischer Perspektive eine Anwesenheit der Nato eine Schwächung des mazedonischen Staates bedeutet. Je mehr Nato-Truppen da sind, desto eingeschränkter kann der Staat agieren und das ist sowohl von der UCK als auch den albanischen Parteien gewünscht.
          Die slawo-mazedonische Seite hat stärkere Vorbehalte gegenüber einer Vermittlung. Bei den Vereinigten Staaten mutmaßen sie, dass sie für die Albaner Partei ergreifen. Aber Mazedonien kann sich den internationalen Forderungen auf Dauer nicht entziehen. Es ist sich bewusst, dass es selbst keine militärische Lösung herbeiführen kann. Mazedonien ist abhängig von europäischer Hilfe und es braucht eine europäische Integrationsperspektive. Hier kommt das europäische Element im positiven Sinn ins Spiel.

          Welche Schritte müssen jetzt konkret unternommen werden?

          Eine politische Lösung muss stärker eingefordert werden. Dazu reicht die Pendeldiplomatie nicht aus. Deshalb hat die EU jetzt endlich einen ständigen Vertreter installiert. Neben einer dauerhaften Präsenz ist es entscheidend, dass die Gespräche nicht moderiert, sondern in Ablauf und Resultat dezidiert beeinflusst werden. Die Entwaffnung kommt dann erst in dritter Linie.

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