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Interview : "Deutschland sollte über eigene Stammzelllinien nachdenken"

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Christiane Nüsslein-Volhard Bild:

Reichen die bestehenden Stammzelllinien für Forschungszwecke? Die Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard äußert sich im Gespräch mit FAZ.NET sehr skeptisch.

          Die Leiterin des Tübinger Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie, Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Volhard, geht davon aus, dass die bisher bestehenden Stammzelllinien für Forschungszwecke nicht ausreichen. Der amerikanische Präsident George W. Bush hatte im Sommer eine Forschungsförderung mit bereits existierenden Zelllinien erlaubt und darauf gedrängt, dass keine weiteren Embryonen mehr für die Forschung getötet werden sollten. Nüsslein-Volhard, die im Oktober 1995 zusammen mit zwei amerikanischen Kollegen den Nobelpreis für Medizin erhielt, meint dagegen, Forscher bräuchten mehr Freiheit, wenn sie erfolgreich sein sollten. Es müsse darüber nachgedacht werden, auch in Deutschland neue Zelllinien herzustellen.

          Frau Nüsslein-Volhard, der Bonner Forscher Oliver Brüstle, der an importierten embryonalen Stammzellen forschen will, wurde verbal scharf attackiert und sogar körperlich bedroht. Haben sich die Fronten in der Gentechnikdebatte in den vergangenen Monaten weiter verhärtet?

          Bisher war es oft unangenehm, sich in die Debatte einzumischen. Dabei hat Herr Brüstle doch wirklich ein sehr redliches Ansinnen. Was ist daran so schlimm, Menschen, die an Multipler Sklerose leiden, heilen zu wollen? Und ihm dabei gleich Geldgier zu unterstellen, ist kurzsichtig. Jede medizinische Therapie hat - wenn sie erfolgreich ist - einen kommerziellen Aspekt. Es geht gar nicht anders, weil es auch sehr teuer ist, die Therapie zu entwickeln. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Diskussion mittlerweile sachkundiger und detaillierter verläuft. Die gegensätzlichen Positionen haben sich ein bisschen angenähert. Das Verständnis füreinander ist größer geworden.

          Haben Bundestagsabgeordnete jetzt so viel Verständnis für Wissenschaftler, dass sie Ende Januar dem Import von embryonalen Stammzellen zustimmen werden?

          Ich weiß nicht, wie die Stimmung unter den Abgeordneten ist. Mir fehlen entsprechende Kontakte. Aber wenn sich eine Mehrheit gegen den Import embryonaler Stammzellen entscheidet, muss ich damit leben. Schließlich handelt es sich um eine demokratische Entscheidung.

          Andere Wissenschaftler und auch einige Politiker sehen das weniger gelassen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Clement hat in diesem Zusammenhang gewarnt, die Wissenschaft in Deutschland stehe schon jetzt am Abgrund.

          Eines ist klar: Es ist nicht schön, dass man überhaupt eine lange Debatte führen muss über etwas, was eigentlich gesetzlich erlaubt ist. Denn das Embryonenschutzgesetz verbietet die Einfuhr embryonaler Stammzellen ja nicht. Ob ein Einfuhrverbot gut für den Wissenschaftsstandort Deutschland wäre, ist natürlich eine andere Frage.

          Werden viele Nachwuchswissenschaftler auswandern, wenn das Votum des Bundestags negativ ausfällt?

          Das ist schwierig zu sagen. Wenn der Import erlaubt wäre, würden auch nicht massenhaft junge deutsche Wissenschaftler an embryonalen Stammzellen forschen. Das Thema wird im Moment stark dramatisiert. Auch der Wunsch, über embryonale Stammzellen zu verfügen, wird sehr überhöht dargestellt. Eigentlich geht es bei der Diskussion eher um die prinzipielle Frage nach der Forschungsfreiheit. Und hier sehe ich langfristig das größte Problem. Wenn sich Forscher nicht darauf verlassen können, dass Regeln, die bereits bestehen, eingehalten werden, halte ich das für schlimm. Diese Unsicherheit ist ein Grund dafür, dass nur wenige Wissenschaftler Lust haben, überhaupt in bestimmten Bereichen der Gentechnik zu arbeiten. Schlimm finde ich auch, dass Wissenschaftler, die öffentlich eine Minderheitenposition vertreten, so gebrandmarkt werden. Ich halte dies für eine Einschränkung der Forschungsfreiheit.

          Ihnen geht es also mehr ums Prinzip als um die aktuelle Entscheidung?

          Natürlich finde ich, dass der Import legitim ist und man ihn erlauben muss.

          Sind die Erkenntnisse, die man aus der Forschung an embryonalen Stammzellen gewinnt, tatsächlich so wichtig? Reicht es nicht aus, weiter an adulten Stammzellen zu forschen?

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