https://www.faz.net/-gpf-37qx

Interview : Bevölkerungswissenschaftler Birg: Wir brauchen ein anderes Zuwanderungsgesetz

  • Aktualisiert am

Das sind Vertreter von Interessengruppen. Auch die Kirchen gebärden sich so, und das ist höchst unangebracht bei dieser Problematik. Es geht hier nicht um bestimmte Bevölkerungsgruppen und ihre Interessen, sondern es geht ums Ganze. Unternehmen können eingestellte Zuwanderer wieder entlassen und sind ihr Problem los, für die Sozialämter entsteht es dann erst. Das ist so trivial, dass man sich wundern muss, wie viel Einfluss diese Gruppen haben.

Wer sollte Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen, Arbeitsmigration, am besten steuern? Die Unternehmer würden es am liebsten selber übernehmen.

Wo bleibt die Gesellschaft? Stadt- und Landesparlamente sollten mitreden, wenn die regionalen Arbeitsverwaltungen einen Zuwanderungsbedarf anmelden. Das ist bisher nicht vorgesehen. Man muss überhaupt sagen, dass die Feststellung eines regionalen Arbeitskräftebedarfs allein kein Grund für Zuwanderung sein kann, weil es in jeder Arbeitsmarktsituation - auch bei acht Millionen Arbeitslosen - irgendwo immer nicht besetzbare Arbeitsplätze gibt. Das ist in der Forschung völlig unumstritten. Auch noch so qualifizierte IT-Spezialisten haben in der Marktwirtschaft keinerlei Arbeitsplatzgarantie. Die können in einem Vierteljahr arbeitslos sein. Wenn man überlegt, dass jeder vierte bis dritte Arbeitsplatz im Jahr umbesetzt wird, bedeutet das, dass ein Zuwanderer, der bei uns einen Arbeitsplatz besetzt, diesen auch wieder verlieren kann - und dann aber im Land bleibt. Diese gesellschaftlichen Konsequenzen werden übersehen, wenn man nur die Arbeitsmarktseite betrachtet.

Gehen Sie so weit zu behaupten, dass es eine Alternative gibt zur gesteuerten Zuwanderung?

Ja, es gibt eine Alternative zur Ausweitung der Zuwanderung, und zwar durch geordnete Schrumpfung der Bevölkerung und der Arbeitskräftezahl. Wir haben noch Zeit, um uns mit dem Problem in aller Gründlichkeit auseinander zu setzten. Bis 2020 schrumpft die Zahl der 20- bis 60-Jährigen „nur“ um acht Prozent, danach, bis 2050, schrumpft sie um weitere 25 Prozent. Aber die acht Prozent in zwei Jahrzehnten lassen sich auffangen durch Produktivitätsfortschritte, durch eine wirksame Arbeitsmarktpolitik. Bis 2015 oder 2020 gibt es keinen Bedarf, der unbedingt durch noch mehr Menschen aus dem Ausland ausgeglichen werden muss, ganz im Gegenteil. Die hohe Arbeitslosenzahl ist ein riesiges Reservoir, das man erst mal ausschöpfen müsste.

Die Forderung ist nicht neu. Wie soll das denn gehen?

Wenn man, um nur ein Beispiel zu nennen, mehr Frauen in Arbeit bringt, und zwar so, dass sie sich nicht mehr entscheiden müssen zwischen Familie und Erwerbsarbeit, dann schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Man schafft eine bessere Familienpolitik und durch die höhere Kinderzahl verbessert man den Arbeitsmarkt 15 oder 20 Jahre später. Dann hätten wir Menschen in Arbeit, die schon integriert sind, die Einheimischen nämlich. Die Integrationskosten fallen weg, die Pro-Kopf-Einkommen sind höher, der Wohlstand nimmt zu.

Sind nicht viele Deutsche gerade deshalb arbeitslos, weil sie eben nicht die richtigen Qualifikationen mitbringen?

Inländer sind im Durchschnitt wesentlich höher qualifiziert als Zuwanderer. Von hundert Arbeitslosen sind von den Deutschen 32 ohne Berufsausbildung, bei den Zugewanderten 77.

Aber gerade dem soll nach dem rot-grünen Gesetzentwurf durch ein Auswahlsystem begegnet werden, in dem auch berufliche Fähigkeiten und Chancen eine Rolle spielen.

Das ist richtig, aber dringlicher wäre die Intensivierung der Arbeitsvermittlung im Inland, um die Massenarbeitslosigkeit zum Beispiel in den neuen Bundesländern zu verringern - also durch Maßnahmen im Lande selbst.

Sie glauben also, wir brauchen das Zuwanderungsgesetz gar nicht?

Wir brauchen ein anderes Zuwanderungsgesetz, das die Zuwanderung in die Sozialsysteme begrenzt, statt sie auszuweiten, das die demographischen und gesellschaftlichen Integrationsbedingungen verbessert, statt sie zu verschlechtern, und das die Ziele, die durch die Steuerung erreicht werden sollen, benennt, statt nur von Steuerung zu reden.

Weitere Themen

Die Mischung macht es

Genetische Geschichte : Die Mischung macht es

Die zur Vergangenheit arbeitenden Genetiker produzieren revolutionäres Wissen. In Heidelberg hielten sie ihr erstes Welttreffen ab. Wie steht es um die Zusammenarbeit mit Archäologen und Historikern?

Topmeldungen

Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.