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Interventionen : In der Wüste

Deutschland wird immer wieder vor der Frage stehen, ob es für den Frieden, von dem es träumt, Krieg führt. Oder ob es den Kopf lieber in den Sand steckt.

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          Ich habe einen Traum, sagt der Deutsche: Wir holen unsere Soldaten endlich heim aus Afghanistan, wo sie ohnehin nichts verloren hatten. Dann streichen wir unsere Panzer wieder oliv und stellen sie in die Lüneburger Heide. Und ins Ausland schicken wir künftig nur noch ein paar Polizisten zur Regelung des kleinen Grenzverkehrs zwischen Serbien und dem Kosovo, bewaffnet allenfalls mit Rosinendrohnen.

          Die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden

          Aus diesem Traum spricht die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden, die nirgendwo so verständlich ist wie in Deutschland. Es ist die Sehnsucht nach einer Welt, in der es wenigstens dem Grunde nach „gerecht“ zugeht. Dennoch auftretende Konflikte werden dort mit friedlichen Mitteln gelöst, gänzlich unbelehrbare Störenfriede von einem unparteiischen Weltpolizisten vor ein Weltgericht gebracht, das in seinen Urteilen nie den Resozialisierungsaspekt vergisst. Deutschland würde bei solchen Prozessen noch nicht einmal den Büttel machen wollen. In seiner idealen Welt sieht es sich in einer anderen Rolle: in der des Lehrers und Sozialarbeiters, der global benachteiligten Völkern hilft, so vorbildlich friedliebend zu werden und saturiert zu sein wie er selbst.

          Allein, wir leben nicht auf einer solchen neuen Insel Utopia. Die Welt wird auch noch nach dem angeblichen Ende des Zeitalters der Ideologien erschüttert vom Aufeinanderprallen von antagonistischen Weltanschauungen und Wertordnungen. Religiöse Fanatiker wollen den globalen „Gottesstaat“ errichten, manche Regime am liebsten ganze Völker ins Meer treiben. Einstige „Entwicklungsländer“ verfolgen inzwischen jene klassische Machtpolitik, die sie früher als imperialistisch verurteilt hatten. Eine weiter wachsende Menschheit konkurriert um schwindende Ressourcen.

          Die Weltkarte der Konflikte ist darüber unüberschaubar geworden. Die Zeiten, in denen man nur die vier Himmelsrichtungen kennen musste, um die Hauptkonfliktlinien benennen zu können, sind vorbei. Seit sich auch die arabische Welt vom Eispanzer der Diktatur befreit, wird dem Westen schon beim Blick in den Süden schwindlig: Dort herrscht nun auch zwischen muslimischen Glaubensrichtungen, Parteien und Sekten jener unerbittliche Hass, der sie früher einte, wenn es gegen Israel ging. Im Chaos nach dem Zusammenbruch der autoritären Regime trachten Volksgruppen, Stämme, Banden und Familienclans danach, ihre Einflusssphären zu vergrößern und sich ein möglichst großes Stück von dem Nachlass der vertriebenen Pharaonen zu sichern. Es tobt ein Kampf um Macht und Geld, bei dem alte Rechnungen beglichen werden und neue Feindschaften begründet.

          Was geht das uns an?

          Darauf kann man im mit Windstrom beheizten deutschen Fernsehsessel so reagieren: Sollen sie doch. Sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen, was geht das uns an? Ziemlich viel, müssen auch Leute sagen, die nicht alle Schuld beim Kolonialismus sehen. Das seinen Frieden und Wohlstand genießende Europa hat ein essentielles Interesse daran, dass auch der Rest der Welt nicht in Krieg und Elend versinkt. Die wesentlichen Gründe dafür lauten: Rohstoffe, Absatzmärkte, Migration, Terrorismus. Einer von ihnen heißt aber auch: Werte. Gesellschaften, die an die unantastbare Würde des Menschen und sein Recht auf ein Leben in Freiheit glauben, können nicht gleichgültig zusehen, wie ihre Grundüberzeugungen negiert werden. Auch die deutsche Öffentlichkeit, die nicht darauf erpicht ist, ein Expeditionskorps nach dem anderen in die Welt zu schicken, erträgt es nicht, wenn vor dem Freitagskrimi Bilder von echten Massakern laufen, am Ende direkt vor der europäischen Haustür. Noch größer ist das Entsetzen nur, wenn beim Versuch, solches Morden zu beenden, unschuldige Menschen von deutscher Hand sterben.

          Weil der Mensch noch immer zu oft ungehindert des Menschen Wolf sein kann, wird Deutschland auch immer wieder vor der Frage stehen, ob es sich an einer militärischen Intervention beteiligt: weil seine (Sicherheits-)Interessen berührt sind, weil die Bündnissolidarität es verlangt, weil die Deutschen, wie in diesen Tagen wieder beteuert, sich angesichts ihrer Vergangenheit verpflichtet fühlen, Massen- und Völkermord nach Kräften zu verhindern. Da jeder Fall anders liegt - Afghanistan anders als Libyen, Syrien anders als Mali - ist jedes Mal eine sorgfältige Prüfung der Motive für eine Intervention, ihrer Chancen und Risiken nötig: Was ist das (realistische) Ziel der Operation? Wie kann es erreicht werden? Was tun, wenn das nicht gelingt? Wie lange ist der Einsatz militärisch und vor allem politisch durchzuhalten? Wie sieht die Exit-Strategie aus? Welche Folgen haben Intervention und Abzug für das betroffene Land und seine Nachbarschaft? Und wem hilft man, an die Macht zu kommen?

          Denn auch die Unterscheidung zwischen den „bösen Jungs“ und den „guten“, also den nicht ganz so bösen, fällt in der Wirklichkeit nicht so leicht wie im deutschen Traum. Doch auch auf diesem Feld gibt es nur die Wahl zwischen kleineren und größeren Übeln. Natürlich kann Deutschland den Kopf in den märkischen Sand stecken und sich sagen, sein Bedarf an Sahara sei damit gedeckt. Damit hindert man die wirklichen Wüsten jedoch nicht daran, sich weiter auszubreiten, auch die politischen nicht.

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