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Internet : Hü und Hott im Wirtschaftsministerium

  • -Aktualisiert am

Unerkannt im Netz Bild: ZB - Fotoreport

Anonymität im Netz versus Kontrolle: Im Wirtschaftsministerium ist man sich nicht einig über den Umgang mit dem Internet.

          Wer im Internet surft, ist nicht anonym. Welche Seite von welchem Computer wann aufgerufen wurde, ist nachvollziehbar über die IP-Nummer, die jeden Rechner im Netz identifizierbar macht. Kommerzielle Datensammler nutzen das und stellen Persönlichkeitsprofile von Internet-Nutzern zusammen. So können Unternehmen etwa zielgenaue Werbung schalten.

          Mit Java Anon Proxy (JAP), einem Programm, das an der TU Dresden entwickelt wird, ist anonymes Surfen möglich. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert die Entwicklung mit 940.000 Mark. Absurd dabei: Über die neue Telekommunikations-Überwachungsverordnung (TKÜV) will das Ministerium zugleich den Strafverfolgern die Kontrolle im Internet leichter machen. Wer JAP zum Surfen nutzt, könnte die Behörden jedoch leicht austricksen.

          „Das klingt wie ein Widerspruch“, räumt Hannes Federrath ein, Informatiker an der TU Dresden und an der Entwicklung von JAP beteiligt. Ein produktiver Widerspruch, wie er hofft: „Es muss jetzt darüber diskutiert werden, wie viel Anonymität der Einzelne und wie viel Sicherheit die Gesellschaft insgesamt im Internet braucht.“ Mit der Entwicklung von JAP, so Federrath, „objektivieren wir die Debatte“. Aus dem Wirtschaftsministerium war zu dem offensichtlichen Widerspruch zwischen dem Anonymitäts-Projekt und der Kontroll-Verordnung zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

          Anonymität in der Masse

          Schon länger gibt es im Netz Dienste, die anonymes Surfen anbieten. Doch das ist Vertrauenssache: Denn die Betreiber der Anonymisier-Server können theoretisch selbst nachschauen, welche Seiten ihre Nutzer ansteuern. Mit JAP ist das nicht mehr möglich, denn die Daten des einzelnen Surfers werden verschlüsselt und wie bei einem Kartenspiel mit denen anderer Nutzer gemischt - und das mehrfach nacheinander, von drei bis fünf voneinander unabhängigen Servern. Die einzelne Anfrage verschwindet so in der Anonymität der Masse: „Je mehr Nutzer zur gleichen Zeit online sind, desto sicherer.“ Nur zu statistischen Zwecken werden einige allgemeine Daten erhoben, so Federrath: „Wir wissen zwar wie viele Nutzer mit JAP surfen, aber nicht wer surft und wohin.“

          Selbst das Bundeswirtschaftsministerium lobt JAP: „Mit diesem System bleibt selbst interessierten Beobachtern auf den Leitungen und selbst den Service-Providern verborgen, wer welche Dienste in Anspruch nimmt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Das Bundeswirtschaftsministerium gibt für Forschungsprojekte zum Datenschutz im Internet insgesamt 5,8 Millionen Mark aus - neben der Entwicklung von JAP geht es dabei um die Sicherheit von Bezahlsystemen für den E-Commerce und um den Einsatz von biometrischen Erkennungssystemen, etwa von Fingerabdrücken. Ein Ziel ist es, die im elektronischen Handel oft zurückhaltenden Deutschen durch sichere Systeme zum vermehrten Online-Shopping zu ermuntern.

          „Abhören“ wird auch für die Polizei schwierig

          Aber im Wirtschaftsministerium gibt es auch Bestrebungen, die in genau entgegengesetzte Richtung zielen: Die Telekommunikations-Überwachungsverordnung (TKÜV), die zurzeit als Referentenentwurf vorliegt, sieht vor, dass Betreiber von Telekommunikationsanlagen Schnittstellen einrichten müssen, um Polizei und Justiz das Abhören leichter zu machen.

          Wenn Strafverfolger mit richterlichem Beschluss die Daten der Nutzer haben wollen, können die JAP-Betreiber ihnen nicht viel weiter helfen, so Federrath: „Wir haben gar keine Aufzeichnungen.“ Und auch das gezielte „Abhören“ von Verbindungen wäre aufwändig: Wie bei einer Telefon-Fangschaltung müssten die beteiligten Rechner zur gleichen Zeit überwacht werden. Auch mit einer anderen klassischen Methode zur Ermittlung bei Computer-Kriminalität werden die Strafverfolger bei JAP an ihre Grenzen stoßen: Beschlagnahmte Rechner löschen automatisch die Schlüssel, die unter Umständen noch Aufschluss über die einzelnen Verbindungen geben könnten.

          Federrath ist ohnehin überzeugt, dass nationale Alleingänge zur gesetzlichen Regelung des Internet schnell an der Grenzenlosigkeit des Netzes scheitern. „Wie bei den Urheberrechtsfragen brauchen wir einen internationalen Konsens, wie Strafverfolgung im Internet aussehen kann.“

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