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Internet-Angriffe : Krieg im Cyberspace

Erst Estland, dann die Nato? Der baltische Kleinstaat hat die Wirkung eines Computerangriffs zu spüren bekommen. Nun sucht die Nato nach Abwehrmöglichkeiten. Dass die Allianz sich überhaupt der Sache annimmt, ist allerdings nicht unumstritten.

          Was im April in Estland geschah, wird die Nato noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Drei Wochen war das baltische Land Ziel von Angriffen auf die Computersysteme. Das legte nicht nur die Websites von Regierung, Parlament und Tageszeitungen lahm, sondern brachte auch das Online-System der größten estnischen Bank für eine volle Stunde zum Stillstand. Allein der Bank entstanden Verluste von geschätzt einer Million Euro.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Man hat das den ersten Krieg im Cyberspace genannt, denn der Anlass war politisch: Die Angriffe fanden statt, als die estnischen Behörden ein sowjetisches Kriegerdenkmal verlegten, das an den Zweiten Weltkrieg erinnerte. Die russische Regierung kritisierte die Verlegung heftig. Daher lag der Verdacht auf der Hand, die Cyber-Sabotage gehe von Russland aus. Beweise dafür gab es nie, aber der Vorfall machte westlichen Regierungen bewusst, dass zur Landesverteidigung heute auch der Schutz der IT-Infrastruktur zählt. Wenn Bankportale oder andere wichtige Onlinedienste nicht mehr zur Verfügung stehen, können Volkswirtschaften beträchtlichen Schaden nehmen.

          Programm zur Abwehr von Angriffen

          Daher befasst sich nun auch die Nato verstärkt mit „Cyber Security“ (Cyber-Sicherheit), wie der Schutz elektronischer Datenverbindungen im Militärjargon heißt. Erste Diskussionen im Bündnis brachten ans Licht, dass auch schon andere Mitgliedstaaten Angriffe auf ihre Web-Auftritte erfahren haben. Darunter sollen das Kanzleramt und das Pentagon gewesen sein, auch wenn die Attacken nie die Ausmaße der Kampagne in Estland erreichten. Die Nato selbst hatte schon während des Kosovo-Krieges erlebt, dass Hacker versuchten, ihre Website zu manipulieren.

          Wurde auch schon gehackt: Website der UN

          Das Bündnis hat bereits auf einem Gipfeltreffen in Prag vor fünf Jahren beschlossen, ein Programm zur Abwehr von Angriffen aus dem Cyberspace aufzulegen. Im Mittelpunkt stand aber zunächst der Schutz der hauseigenen Netze, der in einer militärischen Organisation vordringlich ist. Über die Computer, die in der Nato die verschiedenen Einrichtungen und (weit entfernten) Einsatzgebiete miteinander verbinden, werden viele als geheim eingestufte Informationen ausgetauscht. Um Attacken gegen diese Leitungen abzuwehren, wurde eine Dienststelle ins Leben gerufen, das sogenannte „Nato Computer Incidents Response Capabilities Centre“, das rund um die Uhr einsatzbereit ist.

          Eine Million Rechner beteiligt

          Wie nun die Computersysteme eines ganzen Mitgliedstaates zu schützen wären, ist Gegenstand der jüngsten Diskussionen. Klar scheint bisher lediglich, dass sich das Beistandsprinzip aus Artikel 5 schwer in die virtuelle Welt des Internets übertragen lässt. Wird das IT-Netz eines Nato-Verbündeten angegriffen, dann wird das Bündnis schon aus praktischen Gründen in der Regel nicht mit einem (virtuellen) Gegenangriff antworten können, wie das bei herkömmlichen Kriegen der Fall wäre. Denn meistens gelingt es gar nicht, den Angreifer zu identifizieren. Es kann sein, dass es sich gar nicht um eine feindlich gesinnte Regierung oder einen Terroristen handelt, sondern etwa um politisch motivierte IT-Spezialisten oder um gewöhnliche Kriminelle.

          Hinzu kommt, dass der Ausgangspunkt einer Cyber-Attacke oft nicht eindeutig festzustellen ist. Im Fall Estlands kamen die Angriffe von Computern aus einer Vielzahl verschiedener Länder, darunter etlichen Nato-Staaten, weil die Urheber der Aktion dort Server gemietet oder entsprechende Programme eingeschleust hatten. Nach einer Schätzung waren auf dem Höhepunkt eine Million Rechner an dem Angriff beteiligt.

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