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Integrationsdebatte : Die türkische Frage

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Man kann nicht erst seit Erdogans Rede in Köln den Verdacht haben, dass Türken und Deutsche nicht immer an das Gleiche denken, wenn sie von Integration reden. Was, wenn die Mehrheit der türkischen Einwanderer sich gar nicht integrieren will, und zwar nach unserem, ohnehin ausgesprochen liberalen Verständnis?

          Die Plakate waren auf Türkisch, die Rede war auf Türkisch und bald werden in der Stadt, in der sie tausendfach bejubelt wurde, die Minarette einer Großmoschee in den Himmel ragen. Sollten das Zeichen jenes „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“, der Assimilierung, sein, vor dem der türkische Ministerpräsident Erdogan am Sonntag in Köln warnte?

          Sie, wie manches andere, lassen sich auch anders deuten: als Symptome einer sich verfestigenden, vielleicht sogar vergrößernden Distanz zwischen den türkischen Einwanderern in Deutschland und der Mehrheitsgesellschaft. Man kann nicht erst seit Erdogans Rede den Verdacht haben, dass Türken und Deutsche nicht immer an das Gleiche denken, wenn sie von Integration reden. Und dass die Grundannahme der deutschen Ausländer- und Einwanderungspolitik falsch ist, eine möglichst weitgehende Eingliederung der rund 1,7 Millionen türkischen Staatsangehörigen in Deutschland und Hunderttausender schon Eingebürgerter werde von allen Beteiligten gleichermaßen als erstrebenswert angesehen.

          „Klein-Türkei“ schon vielerorts Realität

          Die Rede Erdogans, der noch am Vortag vor der Brandruine von Ludwigshafen als der große Brückenbauer zwischen den Zivilisationen auftrat, lässt jedenfalls erahnen, dass auch andere Vorstellungen in der Welt sind. In dem Land, in dem die meisten der eingewanderten Türken sich ihr Leben lang als Türken verstehen und unbehelligt ihre Sprache und Kultur pflegen, ist die „Klein-Türkei“, vor der CSU-Chef Huber warnte, jetzt schon vielerorts Realität.

          Assimilierungsdruck gibt es in Deutschland nicht, jedenfalls nicht in Richtung der türkischen Bevölkerung. Häufig hört man dagegen Berichte über Prozesse der Retürkisierung in der dritten oder vierten Generation. Unter solch' günstigen Bedingungen, von denen selbst alteingesessene nationale Minderheiten in anderen Staaten nur träumen können, braucht man die Türken nicht wie Erdogan zur Pflege und Erhaltung ihrer türkischen Identität auffordern - es sei denn, man verbindet damit politische Zwecke.

          Wichtiges Wählerpotential

          Für Erdogan stellen die in Deutschland lebenden Türken, von denen die meisten nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben, wohl aber türkisches Wahlrecht, ein wichtiges Wählerpotential dar. Doch auch in Deutschland verfügen sie über politisches Gewicht. Seit 1972 sind gut siebenhunderttausend Türken eingebürgert worden, die meisten seit Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts vor acht Jahren. Nicht alle von ihnen sind wahlberechtigt, nicht alle fühlen sich der Türkei enger als ihrer neuen Heimat verbunden, und nicht alle wählen dasselbe. Doch in Zeiten knapper werdender Wahlergebnisse können, wie bereits geschehen, ein paar tausend Stimmen den Ausschlag geben für Sieg oder Niederlage, für einen Richtungswechsel oder für Kontinuität.

          Grüne und SPD zählen schon lange auf Stimmen aus dem Einwandererlager. Aber auch die CDU schielt nach diesem Wählerpotential und fragt sich, warum sie nur mit mäßigem Erfolg an die beachtliche Schicht türkischstämmiger Aufsteiger herankommt, die ihrem Lebens- und Leistungsverständnis nach „doch eigentlich konservativ“ seien. Alle Parteien haben sich den Anliegen der größten Einwanderergruppe zugewandt und mehr oder weniger auch schon programmatisch darauf reagiert. Für die ganz Begriffsstutzigen bewirft Ole von Beust derzeit bevorzugt „Bürger mit Migrationshintergrund“ mit Lebkuchenherzen.

          Einflussnahme auf die deutsche Politik - von der inneren Gestaltung bis zu außenpolitischen Grundsatzfragen wie der Aufnahme der Türkei in die EU, die am Ende auch wieder Auswirkungen auf die Gestalt Deutschlands hätte - ist aber nicht nur über das Parteienwesen möglich. Als kurzfristig viel wirkungsvoller hat sich die wachsende Beteiligung türkischer Verbände und Organisationen an der öffentlichen Debatte erwiesen.

          Roland Koch ist vor der Wahl in Hessen nicht nur von SPD und Grünen zum Ausländerfeind gestempelt worden, mit den bekannten Folgen. Die Ruine von Ludwigshafen rauchte noch, da schob der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kolat, Koch die Schuld für die „Assoziation zwischen Mölln, Solingen und Ludwigshafen“ zu. Man kann sich denken, welche Assoziation Kolat mit dieser Bemerkung erzeugen wollte.

          Was, wenn die Mehrheit der Türken sich gar nicht integrieren will?

          Bisher erschöpfte sich die ausländerpolitische Debatte in Deutschland weitgehend in der Erörterung, welche finsteren Kräfte und Mächte es einem aufrechten Einwanderer unmöglich machten, sich dem hiesigen Leben anzupassen und eines Tages diesem Land - gar seinem Volk? - zugehörig zu fühlen. Dieses Ziel jeder vernünftigen Einwanderungspolitik ist bis vor wenigen Jahren verteufelt worden.

          Doch muss die Republik sich inzwischen eine noch unbequemere Frage stellen: Was, wenn die Mehrheit der Türken sich gar nicht integrieren will, und zwar nach unserem, ohnehin ausgesprochen liberalen Verständnis? Wenn sie, wie von Erdogan dazu angespornt, türkische Schulen und Universitäten in Deutschland verlangt? Wenn sie eigene Parteien fordert und das Türkische als Amtssprache in Berlin-Kreuzberg? Noch meiden es alle, von einer eingewanderten ethnischen Minderheit zu sprechen. Doch weit entfernt davon sind wir nicht mehr.

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