https://www.faz.net/-gpf-8mn5i

Ins Abseits getwittert : Kudla wird nicht Direktkandidatin

  • Aktualisiert am

Bettina Kudla unterliegt bei der Wahl für die Direktkandidatur der CDU in Leipzig. Bild: dpa

Die Leipziger CDU fürchtet um das Image der Stadt und lässt Bettina Kudla bei der Wahl zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl durchfallen. Die Politikerin hatte mit umstrittenen Tweets für Aufsehen gesorgt.

          Nach zwei Twitter-Einträgen im politischen Abseits: Mit rechtem Vokabular und einer Beleidigung hatte die CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla ihre Partei gegen sich aufgebracht. Die Quittung dafür erhielt sie am Samstag. Die 54 Jahre alte Politikerin geht bei der Bundestagswahl 2017 nicht erneut als Direktkandidatin für den Wahlkreis Leipzig I ins Rennen. Ein Kreisparteitag der Leipziger CDU gab dem ehemaligen Radprofi und Stadtrat Jens Lehmann den Vorzug.

          Anfang September hatte Kudla den türkischen Regimekritiker Can Dündar auf Twitter beleidigt, zwei Wochen später kritisierte sie mit dem Nazi-Begriff „Umvolkung“ die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Beide Einträge löschte sie, nachdem sich auch Parteikollegen empört und distanziert hatten. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) nannte die Wortwahl „völlig inakzeptabel“ und zitierte Kudla zu einem Krisengespräch nach Berlin.

          Zu einem Rauswurf aus der Bundestagsfraktion kam es aber nicht – vielleicht wegen der unabsehbaren Folgen eines solchen Schrittes: Womöglich hätte sich Kudla noch in der laufenden Legislaturperiode der AfD angeschlossen, die damit vorzeitig im Bundestag vertreten gewesen wäre.

          Kudla wollte „Aufmerksamkeit erregen“

          Bettina Kudla ist eigentlich eine waschechte Münchnerin, mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachte sie dort. Doch gleich nach der Wende zog es sie nach Ostdeutschland. 2009 kandidierte die gelernte Wirtschaftsprüferin erstmals für den Bundestag. Auch 2013 war sie als Direktkandidatin für Leipzig erfolgreich.

          Lange war Kudla eher unauffällig in ihrem Fachbereich Finanzpolitik unterwegs, in dem ihr viel Kompetenz bescheinigt wird. Im Juni zog die CDU-Politikerin zu einem ganz anderen Thema bundesweit Aufmerksamkeit auf sich: Als der Bundestag die Völkermord-Resolution zu den Armeniern beschloss, stimmte sie als einzige Parlamentarierin dagegen.

          Es folgte Anfang September die Beleidigung des verfolgten türkischen Journalisten Dündar als „Cansel Dünnschiss“. Damit habe sie „Aufmerksamkeit erzeugen“ wollen, sagte Kudla in einem Interview. Auslöser war ein ihrer Meinung nach einseitiges ZDF-Interview mit Dündar zur deutschen Türkeipolitik.

          Furcht für das Ansehen Leipzigs

          Während dieser Eintrag zunächst keine größeren Wellen schlug, war zwei Wochen später die Empörung um so größer. „Merkel streitet es ab. Tauber träumt. Die Umvolkung Deutschlands hat längst begonnen“, schrieb Kudla an die Adresse der Kanzlerin und von CDU-Generalsekretär Peter Tauber. „Umvolkung“ ist ein Begriff aus dem NS-Vokabular, Rechtsextreme und Rechtspopulisten benutzen ihn in der aktuellen Flüchtlingsdebatte.

          Nicht nur die Kollegen aus Partei und Fraktion in Berlin distanzierten sich umgehend. Auch der CDU-Kreisverband Leipzig erklärte: „So geht es nicht mehr.“ Es bestehe die Gefahr, dass „das Ansehen Leipzigs Schaden nimmt“.

          Bislang war die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung der Hauptgrund zur Sorge um einen Imageverlust in Sachsen. Zudem ist der Freistaat die Heimat von Frauke Petry. Die AfD-Chefin warb neulich dafür, den Begriff „völkisch“ positiv zu besetzen, der eng mit der NS-Ideologie verknüpft ist.

          Seit 2005 in Leipzig

          Kudla selbst bestritt jegliche Nähe zur AfD. „Ich bin mit Leib und Seele CDU-Mitglied und Bundestagsabgeordnete für diese Partei“, sagte sie der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ). Mit einer Partei wie der AfD verbinde sie nichts.

          Katholisch, ledig, Wirtschaftsprüferin – die Angaben zu Kudlas Person auf offiziellen Websites sind eher dürftig. Nach der Schulzeit und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München arbeitete sie dort von 1988 bis 1990 bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Danach wechselte sie für dasselbe Unternehmen nach Halle an der Saale. 2004 ging es kurzzeitig zurück nach Bayern.

          2005 folgte dann der Wechsel nach Leipzig, sie wurde Bürgermeisterin und Beigeordnete für Finanzen. Den Posten behielt sie bis zu ihrem Eintritt in den Bundestag. Nach der gescheiterten Bewerbung zeigte sich Kudla am Samstag enttäuscht, trat aber Spekulationen über einen Parteiwechsel erneut entgegen. „Ich werde nicht für die AfD antreten“, sagte sie laut „LVZ“.

          Weitere Themen

          Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel Video-Seite öffnen

          Livestream : Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel

          Am Mittwoch wird der neue britische Premierminister Boris Johnson zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Verfolgen Sie das Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Livestream auf FAZ.NET

          Topmeldungen

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.
          Angeklagt: Der Unternehmer Alexander Falk (Mitte) wartet am Mittwoch mit seinen Anwälten im Frankfurter Landgericht auf den Prozessbeginn.

          Prozess gegen Alexander Falk : „Damit diese Bazille nicht mehr existiert“

          Hat Alexander Falk, der Erbe des Stadtplan-Verlags, den Auftrag erteilt, einen Anwalt zu töten? Vor Gericht bestreitet er das. Und was auf den ersten Blick ein logischer Schluss ist, beginnt beim Blick auf die Details zu wackeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.