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Zwickauer Terrorzelle : Mutmaßlicher NSU-Helfer gesteht Waffenlieferung

Die schallgedämpfte Pistole vom Typ Ceska 83, die Carsten S. für die Zwickauer Zelle beschafft haben soll Bild: dpa

Der mutmaßliche NSU-Helfer Carsten S., der zeitweise Funktionär der NPD war, hat gestanden, der Zwickauer Zelle ihre wichtigste Tatwaffe beschafft zu haben. Er soll aber nicht gewusst haben, dass die Gruppe Straftaten plante.

          Bei den Ermittlungen gegen Mitglieder und Unterstützer und der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ konzentrieren sich die Fahnder auf die Herkunft der zwanzig Schusswaffen, die in dem ausgebrannten Wohnmobil und in den Trümmern der Wohnung des Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gefunden wurden. Im Mittelpunkt der Nachforschungen steht dabei eine aus der Schweiz stammende Ceska-Pistole, die bei den Morden der Neonazis immer wieder verwendet wurde. Nach umfassender Zeugenaussage des Beschuldigten Carsten S., der Anfang Februar in Düsseldorf festgenommen wurde, hat es nun den Anschein, als habe der damalige NPD-Funktionär diese Waffe Ende 1999 oder Anfang 2000 dem Trio ausgehändigt.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Nach einer Mitteilung seines Anwalts Jacob Hösl hat Carstens S., der nach eigenen Angaben seit etwa zehn Jahren der Neonazi-Szene nicht mehr angehört und zuletzt in Düsseldorf im Dienste der Aids-Hilfe arbeitete, bereits bei seiner Anhörung durch den Haftrichter zugegeben, er sei zeitweise „Kontaktmann“ zwischen den Untergetauchten sowie dem NPD-Funktionär Ralf Wohlleben gewesen. Sein Mandant habe, anders als die Generalbundesanwaltschaft ihm vorwirft, dem Trio nicht erst „2001 oder 2002 eine Schusswaffe nebst Munition verschafft“, sondern schon zu dem genannten, früheren Zeitpunkt, als nämlich „noch keine der später bekannt gewordenen Straftaten begangen war“. Dazu, wie die Waffe beschafft und weiter gegeben wurde, fehlen noch genaue Angaben.

          Carsten S. soll gestanden haben, dem Terrortrio vom NSU die wichtigste Tatwaffe beschafft zu haben

          Dass es sich dabei um die Ceska 83 nebst Schalldämpfer gehandelt habe, sei „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ der Fall, so Carsten S. Dass es sich um diese, von September 2000 an bei zehn Morden verwendete Waffe gehandelt habe, „konnte erst durch die weiteren Vernehmungen meines Mandanten im Rahmen des Ermittlungsverfahrens festgestellt werden“, so Hösl. Ausgehend von dieser Aussage hätte Carsten S. zu keinem Zeitpunkt vor seiner Verhaftung gewusst, dass es sich bei der Waffe um ein Mordwerkzeug der Zwickauer Gruppe gehandelt hat. Überhaupt habe er, so gibt er an, bis November 2011 nicht gewusst, „dass das ,Trio‘ Straftaten geplant oder durchgeführt hatte“. Nach Auffassung der Bundesanwaltschaft hingegen soll „angesichts seiner engen persönlichen und ideologischen Verbindung zu den ,NSU‘-Mitgliedern der Beschuldigte billigend in Kauf genommen haben, dass die Schusswaffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte“. Sie bezichtigt S. daher der Beihilfe zu etlichen Morden.

          Bei der Pistole, die in der ausgebrannten Täter-Wohnung gefunden wurde, handelt es sich um eine Pistole aus tschechischer Produktion. Der Typ Ceska 83 Kaliber 7,65 Millimeter ist nach Angaben der Polizei 1993 in einer kleinen Serie von 24 Stück gefertigt worden, die ausschließlich an einen Waffenhändler in Solothurn geliefert wurde. Umfangreiche Ermittlungen hatten bereits früher zur Klärung des Verbleibs von 16 Pistolen geführt. Bei acht gelang das nicht, auch der gesuchten Mordwaffe. Die fragliche Ceska wurde ausgeliefert, kam aber nach Angaben des angeblichen Bestellers nie bei ihm an und wurde auch von ihm nicht bestellt. Nach Angaben des Thüringer Verfassungsschutzes war Carsten S. Aktivist des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS) und führendes Mitglied der Sektion Jena des THS. Seit 1999 sei er als Mitglied des NPD-Kreisverbandes Jena geführt worden. Im Juni 1999 sei er Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Jena geworden. 2001 erfolgt der Wegzug aus Jena.

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