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Luftangriff auf Dresden : Am Morgen danach

  • -Aktualisiert am

Nach dem nächtlichen Luftangriff am Morgen des 14. Februar 1945: Blick vom Rathaus auf Hausskelette und zerstörte Straßenzüge in Dresden. Bild: AFP

Vor 70 Jahren zerstörte ein Luftangriff der Alliierten große Teile Dresdens. Dabei verlor Anita John ihre Eltern. Myriam Schütze dagegen rettete die Bombardierung der Stadt das Leben.

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          Der Ort, zu dem Anita John jedes Jahr am 13. Februar kommt, ist eine in vier Quadrate geteilte Wiese mit einem Brunnen in der Mitte, ganz am Ende des Johannisfriedhofs. Nur 60 Zentimeter unter dem Gras liegen hier fast 3700 Opfer der Bombenangriffe auf Dresden begraben, zu ihnen gehören auch Anita Johns Eltern. Auf den Rand des Brunnens legt sie gemeinsam mit ihrer Tochter eine weiße Rose. Sie ist seit ein paar Jahren ein Symbol für das Gedenken und ein Zeichen der Versöhnung.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Als junger Mensch hat es mich sehr beruhigt, dass ich wusste, wo ich an diesem Tag hinzugehen habe“, erzählt John. Ihre Eltern sind in Reihe 12, Grabstellen 12 und 13, beerdigt, heute aber, nachdem die Gedenkstätte mehrfach umgestaltet wurde, lässt sich die genaue Stelle nicht mehr ausmachen. „Die Toten wurden auf der Seite liegend ohne Sarg eng nebeneinander geschichtet“, sagt John. „Alles, was ich meinen Eltern auf ihrem letzten Weg mitgeben konnte, war eine Decke.“

          Anita John ist 82 Jahre alt, sie hat wache Augen und eine klare Stimme, mit der sie über die Ereignisse im Februar vor 70 Jahren und den heutigen Umgang damit spricht. Dass Dresden als Kunst- und Kulturstadt von Bomben verschont bleiben würde, hätten weder ihre Eltern noch sie selbst geglaubt. „Gehofft haben wir es, ja, aber wir haben uns wie viele andere auch auf das Schlimmste vorbereitet.“ Im Keller hatten die Bewohner längst Wasserwannen aufgestellt, auch die Koffer mit dem Wichtigsten standen stets griffbereit. Schon mehrfach waren Bomber bis in den Osten des Reichs und auch nach Dresden vorgedrungen, hatten dabei aber nur wenig Schaden angerichtet.

          Im Februar 1945 lebt Anita John, die damals Kurz heißt, mit ihren Eltern in der Zöllnerstraße 29, gut zwei Kilometer Luftlinie vom Zentrum entfernt. Ihre Wohnung liegt in der ersten Etage eines vierstöckigen Gründerzeithauses, von denen es in diesem Stadtteil unzählige gibt und die aufgrund ihrer geschlossenen Bauweise den Straßen einen besonderen Charakter verleihen. Als am 13. Februar, Faschingsdienstag, um 21.39 Uhr die Sirenen heulen, geht die Familie wie immer bei Alarm in den Keller.

          Myriam Schütze auf einer undatierten Aufnahme als Kind.

          Zur gleichen Zeit wartet im nahen Freiberg ein vier Jahre altes Mädchen namens Myriam Berger auf seine Mutter; Dora Berger soll am 19. Februar aus dem Gefängnis entlassen werden. Myriam lebt bei der Großmutter, und die ist völlig verzweifelt. Sie hat zwei Tage zuvor ein Schreiben der Gestapo bekommen, sie soll ihre Enkelin am 15. Februar in Dresden abliefern, mit Schuhen, Kleidung, Essgeschirr und „Marschverpflegung für 2–3 Tage“. Sollte sie der Aufforderung nicht folgen, drohen „staatspolizeiliche Maßnahmen“.

          „Ihr war ja klar, was das bedeutete“, sagt Myriam Schütze, wie sie heute heißt. Elend, Leid und Tod, alles was den Dresdnern jetzt unmittelbar bevorsteht, sind für Myriams Familie damals seit Jahren Alltag. Infolge des „Blutschutzgesetzes“ werden ihre Eltern, der Vater Jude, die Mutter „arisch“, verhaftet; beide müssen nach der Entlassung getrennt leben. Der Vater, Herbert Berger, besitzt in Chemnitz ein Trikotagen-Geschäft, das Deutsche in der Pogromnacht im November 1938 zerstören. Er kommt ins Konzentrationslager Buchenwald und flieht nach seiner Entlassung 1939 nach Belgien, wohin ihm seine Frau folgt; Ende des Jahres heiraten beide in Brüssel.

          Als die Deutschen im Frühjahr Belgien überfallen, wird der Vater sofort interniert und in ein Lager nach Südfrankreich verschleppt. „Mein Vater hätte sich ein Bein rausgerissen für Deutschland, er hat im Ersten Weltkrieg vier Jahre für sein Land gekämpft“, sagt Schütze. „Umso größer war dann seine Enttäuschung.“

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