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Zum Tode von Otto Graf Lambsdorff : Ordnung aus Freiheitsliebe

Otto Graf Lambsdorff (1926-2009) Bild:

Bis heute ist das Amt des Bundeswirtschaftsministers nach Ludwig Erhard mit keiner anderen Persönlichkeit so verbunden wie mit Otto Graf Lambsdorff. Mit ordoliberaler Standfestigkeit kämpfte er gegen den keynesianischen Zeitgeist. In den achtziger Jahren aber holte den Grafen seine eigene Vergangenheit ein.

          Es war still geworden um Otto Graf Lambsdorff. Als die FDP Ende Oktober in Berlin-Tempelhof zusammenkam, um über den Koalitionsvertrag mit der Union abzustimmen, der elf lange Leidensjahre in der Opposition beendete, fehlte der Ehrenvorsitzende krankheitsbedingt. Er konnte so den größten Erfolg seiner Partei, das beste Ergebnis in einer Bundestagswahl seit dem Bestehen der Freien Demokraten, nicht mitfeiern. Genugtuung, nicht Überschwang, wäre wohl sein Grundgefühl gewesen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Guido Westerwelle, der sich im Wahlkampf von Hans-Dietrich Genscher unterstützen ließ, hatte er anders als der langjährige Außenminister schon als Jungen Liberalen gefördert, vor größeren Karriereschritten beraten und in Krisenzeiten auch in Schutz genommen – geräuschlos, aber wirkungsvoll. Lambsdorff hielt nicht viel von politischen Adoptionen, wie sie Genscher mit Günther Verheugen und Jürgen W. Möllemann unternahm. Er versorgte diejenigen, die er für talentiert hielt, mit schriftlichen Zweizeilern und hielt ansonsten väterlich-aristokratische Distanz. So hat der Graf Westerwelle schon beim zweiten juristischen Staatsexamen und bei der Promotion beigestanden. Den großen Erfolg dieses Talents musste dieser nun vom fernen Bonn aus beobachten. In der Bundesstadt am Rhein, wo er bis zuletzt im Schatten des Post Towers in seinem kleinen Büro arbeitete, ist er am Samstag kurz vor Vollendung seines 83. Lebensjahres gestorben.

          Mit ordoliberaler Standfestigkeit gegen den keynesianischen Zeitgeist

          Einen seiner letzten großen öffentlichen Auftritte hatte der Graf im Herbst 2008, als die FDP im hessischen Heppenheim ihr sechzigjähriges Bestehen beging. Der Festredner, der erst drei Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1951 der Partei beitrat, erinnerte die versammelte liberale Familie in der ihm eigenen (von Eitelkeit nicht freien) Art an eine ferne Zeit der deutschen Politik, in der es den Berufspolitiker noch nicht gab. Als ihm 1977 angeboten worden sei, als Wirtschaftsminister dem Bundeskabinett unter Helmut Schmidt beizutreten, habe er zunächst seine Frau konsultiert und mit ihr beratschlagt, ob die Familie sich den Schritt leisten könne. Er lehnte diesen öffentlichen Dienst nicht ab, obschon er als Vorstandsmitglied der Düsseldorfer Victoria Rückversicherung ein Vielfaches seiner Ministerbezüge verdient hatte.

          1983 im Bundestag in Bonn

          Bis heute ist das Amt des Bundeswirtschaftsministers nach Ludwig Erhard mit keiner anderen Persönlichkeit so verbunden wie mit seiner. Er war der marktwirtschaftliche Pfeiler im sozialliberalen Kabinett, der sozialromantische Übertreibungen etwa in der Mitbestimmungsgesetzgebung verhinderte und den keynesianischen Zeitgeist mit ordoliberaler Standfestigkeit so gut es ging bekämpfte. Gradlinigkeit kennzeichnete ihn – und unterschied ihn von anderen Ehrenvorsitzenden seiner Partei. Als in den neunziger Jahren der neoliberale Zeitgeist über Deutschland und die FDP hereinbrach, erinnerte er seine Partei bisweilen daran, dass der Staat im Ordoliberalismus kein notwendiges Übel ist, sondern Spielfeld der Kräfte des Marktes. Minimalstaats-Theorien galten ihm als Elfenbeinturm-Träumereien.

          Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf Lambsdorff wurde 1926 in Aachen geboren. Der Vater, dessen Familie westfälischem Adel entstammte, der später im Baltikum siedelte, arbeitete als Kaufmann. Nach der Schulzeit in Berlin und der Ritterakademie in Brandenburg musste junge Lambsdorff als Soldat an die Front. Als Kriegsversehrter kehrte er 1946 aus der Gefangenschaft heim. Seine Behinderung durch die Oberschenkelamputation ertrug er in all den Jahrzehnten mit preußischer Tapferkeit.

          Lambsdorff studierte Jura und nahm – zunächst als Bankier – am wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik teil. In Nordrhein-Westfalen engagierte er sich frühzeitig in der FDP – der Bezirk Aachen wurde seine Machtbastion. Von 1972 an saß er im Bundestag. So sehr er sich im Geiste Helmut Schmidt verbunden fühlte, so heftig ging er mit dessen Partei, der SPD, ins Gericht. Auch seine eigene Partei schonte er nicht. Als eigentlicher Verfasser der „Kieler Thesen“ suchte er der FDP des sozialliberalen „Freiburger Programms“ wieder mehr marktwirtschaftliches Profil zu verleihen.

          Eingeholt von der eigenen Vergangenheit

          Als Anfang der achtziger Jahre die SPD ihren Kanzler nicht nur sicherheits-, sondern zunehmend auch wirtschaftspolitisch desavouierte, streckte Lambsdorff seine Fühler in Richtung Union aus. Im Spätsommer 1982 schickte er einen (von seinem Staatssekretär Hans Tietmeyer verfassten) Forderungskatalog ans Kanzleramt, der später als „Wendebrief“ in die Geschichte eingehen sollte – eine Art vorgelagerte „Agenda 2010“. Die „Wende“ kam, doch nicht wie der Graf sie beabsichtigte unter einem Bundeskanzler Gerhard Stoltenberg. Der FDP-Vorsitzende Genscher und Oppositionsführer Helmut Kohl waren längst handelseinig. Machttaktisch war der Graf Genscher manches Mal unterlegen.

          Die christlich-liberale Regierung, die schon damals versprach, dass sich Leistung wieder lohnen müsse, bedeutete keine gänzliche Befreiung Lambsdorffs, der nach kurzzeitiger Demission sein Ministeramt zurückerhielt, aus dem Korsett der Staatsgläubigkeit. Der selbstbewusste Ressortchef zweifelte am wirtschaftspolitischen Sachverstand des Kanzlers und suchte weiterhin die Nähe Stoltenbergs, der als Finanzminister sein Gegenpart im Kabinett war. Dann aber holte den Grafen seine eigene Vergangenheit ein.

          Im Zusammenhang mit der Flick-Parteispendenaffäre wurde ihm Bestechlichkeit vorgeworfen. Als er im Sommer 1984 angeklagt wurde, legte er sein Ministeramt nieder. Am Ende wurde der Anklagepunkt der Bestechlichkeit zwar fallengelassen, Lambsdorff aber 1987 wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er war nun 60 Jahre alt – es hätte das Ende seiner Karriere sein können.

          Er blieb der wirtschaftspolitische Mahner

          Ein Jahr später wählte die FDP den Grafen stattdessen zu ihrem Bundesvorsitzenden – sein Vorgänger Martin Bangemann war nach Brüssel zur Kommission gewechselt. In die Bundesregierung trat er nicht wieder ein. Ohne in die Kabinettsdisziplin eingebunden zu sein, blieb er der wirtschaftspolitische Mahner der Koalition. Seine Debattenbeiträge im Bundestag waren nicht nur in der Opposition gefürchtet. Aus jenen Jahren stammen viele seiner Bonmots, von denen die Bemerkung, der Bundestag werde immer leerer, aber an Lehrern immer voller, seinen knorrigen Charakter recht gut beschreibt.

          Unter Lambsdorff erlebte die FDP, die die „Wende“ 1982 fast zerrissen hätte, mit der deutschen Wiedervereinigung einen zweiten Frühling. In der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl erhielt die Partei – auch dank eines Genscher-Bonus – elf Prozent der Stimmen und steigerte nach der Fusion mit den ostdeutschen Parteien LDPD und NDPD sowie der neuen Deutschen Forumspartei ihre Mitgliederzahl von 65.000 auf 180.000. Doch versäumte die Parteiführung es, daraus Kapital zu schlagen und das Lebensgefühl der Ostdeutschen anzusprechen. Der Niedergang der FDP in den neunziger Jahren begann in jener Zeit. 1993 gab Lambsdorff den Parteivorsitz ab. 1998, als die FDP erstmals seit 1969 in die Opposition musste, schied er aus dem Bundestag.

          Als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung blieb er über die Jahre ein streitbarer Zeitgenosse, der sich mit dem chinesischen Regime über Menschenrechtsfragen beharkten, Modelle für einen deutschen Wettbewerbsföderalismus entwarf und 1999 von Bundeskanzler Gerhard Schröder beauftragt wurde, für die Bundesrepublik die Verhandlungen über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern zu führen. Zu seinen vielen Auszeichnungen kam daher 2005 die des Toleranz-Preises des Jüdischen Museums in Berlin hinzu.

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