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Zum Tode von Otto Graf Lambsdorff : Ordnung aus Freiheitsliebe

Lambsdorff studierte Jura und nahm – zunächst als Bankier – am wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik teil. In Nordrhein-Westfalen engagierte er sich frühzeitig in der FDP – der Bezirk Aachen wurde seine Machtbastion. Von 1972 an saß er im Bundestag. So sehr er sich im Geiste Helmut Schmidt verbunden fühlte, so heftig ging er mit dessen Partei, der SPD, ins Gericht. Auch seine eigene Partei schonte er nicht. Als eigentlicher Verfasser der „Kieler Thesen“ suchte er der FDP des sozialliberalen „Freiburger Programms“ wieder mehr marktwirtschaftliches Profil zu verleihen.

Eingeholt von der eigenen Vergangenheit

Als Anfang der achtziger Jahre die SPD ihren Kanzler nicht nur sicherheits-, sondern zunehmend auch wirtschaftspolitisch desavouierte, streckte Lambsdorff seine Fühler in Richtung Union aus. Im Spätsommer 1982 schickte er einen (von seinem Staatssekretär Hans Tietmeyer verfassten) Forderungskatalog ans Kanzleramt, der später als „Wendebrief“ in die Geschichte eingehen sollte – eine Art vorgelagerte „Agenda 2010“. Die „Wende“ kam, doch nicht wie der Graf sie beabsichtigte unter einem Bundeskanzler Gerhard Stoltenberg. Der FDP-Vorsitzende Genscher und Oppositionsführer Helmut Kohl waren längst handelseinig. Machttaktisch war der Graf Genscher manches Mal unterlegen.

Die christlich-liberale Regierung, die schon damals versprach, dass sich Leistung wieder lohnen müsse, bedeutete keine gänzliche Befreiung Lambsdorffs, der nach kurzzeitiger Demission sein Ministeramt zurückerhielt, aus dem Korsett der Staatsgläubigkeit. Der selbstbewusste Ressortchef zweifelte am wirtschaftspolitischen Sachverstand des Kanzlers und suchte weiterhin die Nähe Stoltenbergs, der als Finanzminister sein Gegenpart im Kabinett war. Dann aber holte den Grafen seine eigene Vergangenheit ein.

Im Zusammenhang mit der Flick-Parteispendenaffäre wurde ihm Bestechlichkeit vorgeworfen. Als er im Sommer 1984 angeklagt wurde, legte er sein Ministeramt nieder. Am Ende wurde der Anklagepunkt der Bestechlichkeit zwar fallengelassen, Lambsdorff aber 1987 wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er war nun 60 Jahre alt – es hätte das Ende seiner Karriere sein können.

Er blieb der wirtschaftspolitische Mahner

Ein Jahr später wählte die FDP den Grafen stattdessen zu ihrem Bundesvorsitzenden – sein Vorgänger Martin Bangemann war nach Brüssel zur Kommission gewechselt. In die Bundesregierung trat er nicht wieder ein. Ohne in die Kabinettsdisziplin eingebunden zu sein, blieb er der wirtschaftspolitische Mahner der Koalition. Seine Debattenbeiträge im Bundestag waren nicht nur in der Opposition gefürchtet. Aus jenen Jahren stammen viele seiner Bonmots, von denen die Bemerkung, der Bundestag werde immer leerer, aber an Lehrern immer voller, seinen knorrigen Charakter recht gut beschreibt.

Unter Lambsdorff erlebte die FDP, die die „Wende“ 1982 fast zerrissen hätte, mit der deutschen Wiedervereinigung einen zweiten Frühling. In der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl erhielt die Partei – auch dank eines Genscher-Bonus – elf Prozent der Stimmen und steigerte nach der Fusion mit den ostdeutschen Parteien LDPD und NDPD sowie der neuen Deutschen Forumspartei ihre Mitgliederzahl von 65.000 auf 180.000. Doch versäumte die Parteiführung es, daraus Kapital zu schlagen und das Lebensgefühl der Ostdeutschen anzusprechen. Der Niedergang der FDP in den neunziger Jahren begann in jener Zeit. 1993 gab Lambsdorff den Parteivorsitz ab. 1998, als die FDP erstmals seit 1969 in die Opposition musste, schied er aus dem Bundestag.

Als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung blieb er über die Jahre ein streitbarer Zeitgenosse, der sich mit dem chinesischen Regime über Menschenrechtsfragen beharkten, Modelle für einen deutschen Wettbewerbsföderalismus entwarf und 1999 von Bundeskanzler Gerhard Schröder beauftragt wurde, für die Bundesrepublik die Verhandlungen über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern zu führen. Zu seinen vielen Auszeichnungen kam daher 2005 die des Toleranz-Preises des Jüdischen Museums in Berlin hinzu.

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