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Zum Tode von Hans-Jochen Vogel : Ein großer Sozialdemokrat

Er repräsentierte den Aufstieg der SPD nach dem Zweiten Weltkrieg: Hans-Jochen Vogel Bild: Mirko Krizanovic

Mit nur 34 Jahren wählte München ihn zum Oberbürgermeister. Dann wurde ihm die dortige SPD zu links. Seine Partei öffnete er später dennoch für die Grünen. Ein Nachruf auf Hans-Jochen Vogel.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Hans-Jochen Vogel ist einer der großen Sozialdemokraten des vergangenen Jahrhunderts gewesen. Den Aufstieg der SPD nach dem Zweiten Weltkrieg hat er repräsentiert. Die Regierungsjahre der Koalition von SPD und FDP unter den Bundeskanzlern Brandt und Schmidt hat er bis 1982 mit geprägt. Vogel, der vom Habitus und vom Arbeitsstil her stets ein Mann der Exekutive war, erwies danach seiner SPD den größten Dienst: Als Oppositionsführer im Bundestag und einige Jahre auch als Parteivorsitzender hielt er Partei und Fraktion zusammen.

          Leicht war es nicht in einer Zeit, in der seine eigene vom Krieg und Wiederaufbau geprägte Generation schrittweise abtrat und die Nachgeborenen mit Macht nach vorne drängten. Vogel führte. Doch er führte nicht bedingungslos und nicht allein wegen des Ehrgeizes, Ämter und Macht zu besitzen. Politische Führung war für Vogel stets auch Dienst und Dienen. Sie bestand für ihn auch aus Leiden und Erleiden, vielleicht auch deshalb, weil er, der gläubige Katholik, Politik vor allem unter moralischen Kategorien zu betreiben suchte.

          Nach seinem Ausscheiden aus Ämtern und Funktionen war er zwar auf Parteitagen ein häufig gesehener Gast. Als mahnender Redner wurde er gern gehört. Doch in der Ferne litt er unter dem Niedergang der einst stolzen deutschen Sozialdemokratie. Nach seinem Rücktritt vom SPD-Vorsitz im Frühjahr 1991 folgte eine Ära, in der die SPD-Vorsitzenden fast im Zwei-Jahres-Rhythmus wechselten.

          1966 wählten ihn 77,9 Prozent der Münchner zum OB

          Vogel wurde 1926 in Göttingen geboren. Es war kein klassisch sozialdemokratischer Haushalt, aus dem er stammte. Sein Vater, ein gebürtiger Münchner, war Wissenschaftler und später Professor für Tierzucht in Gießen. Nach Abitur und Kriegsdienst studierte Vogel Rechtswissenschaften. Er promovierte „magna cum laude“, was ihm später den hämisch gemeinten Begriff vom „Einser-Juristen“ eintragen sollte. Vogel trat in die Bayerische Justizverwaltung ein. 1950 wurde er SPD-Mitglied. Sein jüngerer Bruder Bernhard wandte sich – später ebenfalls politisch erfolgreich – der CDU zu. Eine kurze Zeit gehörten beide dem Bundesrat an – der ältere Hans-Jochen für das Land Berlin, der jüngere Bernhard für Rheinland-Pfalz.

          Hans-Jochen Vogel 1995 auf dem Bundesparteitag der SPD in Mannheim Bilderstrecke
          Zum Tod von Hans-Jochen Vogel : Ein Star des Südens – und der SPD

          In den sechziger Jahren war Vogel politisch gesehen ein Star des Südens. 1960 wurde er im Alter von gerade 34 Jahren zum Oberbürgermeister von München gewählt – damals zum jüngsten Oberbürgermeister einer europäischen Millionenstadt. Ein aus heutiger Sicht traumhafte Ergebnisse hat er damals erzielt: 64,3 Prozent 1960, 77,9 Prozent 1966. Noch heute ist die bayerische Landeshauptstadt von seinem Wirken geprägt. Der Bau der U-Bahn fiel in seine Zeit. Er betrieb erfolgreich das Vorhaben, die Olympischen Sommerspiele 1972 nach München zu holen. Vogel zählte als junger Mann schon zu den großen deutschen Bürgermeistern.

          Sein Abschied aus München 1972 freilich war nicht frei von Enttäuschungen. Er, der als rechter Sozialdemokrat galt, konnte den Linksschwenk der Münchner SPD nicht verhindern, dessentwegen er auf dem Höhepunkt seines Ansehens 1971 ankündigte, im Frühjahr 1972 nicht wieder als Oberbürgermeister kandidieren zu wollen. Bei der Landtagswahl 1974 trat er als SPD-Spitzenkandidat an. Die CSU aber gewann mit mehr als 62 Prozent. Vogels Tätigkeit in der Landespartei neigte sich dem Ende zu.

          Willy Brandt, der wie Vogel seine Laufbahn in der Kommunalpolitik begonnen hatte, holte den bisherigen Oberbürgermeister nach Bonn. Vogel kandidierte für den Bundestag und wurde nach der Bundestagswahl 1972 Bundesminister für Raumordnung und Städtebau. Nach dem Rücktritt Brandts machte ihn Helmut Schmidt 1974 zum Justizminister. Er wurde, besonders in den Jahren des Terrorismus der „Roten Armee Fraktion“, zu einer der sozialdemokratischen Säulen des SPD/FDP-Bundeskabinetts.

          Als unglückliches Intermezzo sollte sich Vogels Engagement für das Land Berlin und die SPD dort erweisen. Im Januar 1981 wurde er – nach diversen Querelen in der West-Berliner SPD – vom Abgeordnetenhaus zum Regierenden Bürgermeister gewählt. Bei der nachfolgenden Abgeordnetenhauswahl siegte die Union. Richard von Weizsäcker trat an die Spitze der Stadt. Die beiden schätzten einander.

          In Bonn zerbrach derweil die SPD/FDP-Koalition. 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler. Bei der Bundestagswahl im Frühjahr 1983, für die sich Schmidt nicht abermals als Kanzlerkandidat hergeben wollte, trat Vogel als Spitzenkandidat an – durchaus um seine schlechten Chancen wissend. Vogel wurde dann als Nachfolger Herbert Wehners Fraktionsvorsitzender und Oppositionschef.

          Vogel blieb der SPD treu

          Es sollte seine einzige Kanzlerkandidatur bleiben – 1987 traten mit seiner Billigung Johannes Rau an, 1990 dann Oskar Lafontaine, obwohl in den Monaten der Vereinigung Deutschlands Vogel, der mittlerweile auch SPD-Parteivorsitzender geworden war, mit dem Saarländer einen heftigen Streit über das Verhältnis zur Nation ausfocht. In der Fraktion übte Vogel ein strenges Regiment aus, mit dem er die in die Opposition geratene SPD zu stabilisieren suchte. Die Bundestagsfraktion wurde nach den Maßstäben eines Regierungsapparates organisiert.

          Mit Vorsicht und viel Rücksicht betrieb Vogel die Öffnung der Partei hin zu den Grünen – nicht zur Freude des Parteiflügels, dem er einst angehört hatte. Doch tat er sich auch mit den nach vorne drängenden jüngeren Sozialdemokraten – voran Lafontaine und Gerhard Schröder – nicht leicht. Es waren Ansprüche an Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl, die den Älteren von den neuen Führungskräften unterschieden. Die Wahl Vogels 1987 zum SPD-Vorsitzenden war Ausdruck dieser Differenzen. Vier Jahre lang war Vogel zugleich Fraktions- und Parteivorsitzender. Es entsprach seinem Ordnungssinn, dass er nach seinem 65. Geburtstag innerhalb kurzer Zeit beide Ämter niederlegte.

          Auch als Privatier verfolgte Vogel die Zeitläufte in Bonn und später bis zuletzt in Berlin. Immer noch konnte er sich – beinahe auf Knopfdruck und mit hochrotem Kopf – erregen. Seiner Partei blieb er treu. Er sprach nicht schlecht über die Berliner SPD-Führung und ihre Wahlkämpfe, was immer auch geschah. Er kommentierte aber das Geschehen lange Zeit fast in wöchentlichen Briefen an das Willy-Brandt-Haus. Nun ist Hans-Jochen Vogel im Alter von 94 Jahren gestorben.

          Der Verfasser war bis zum Frühjahr 2018 Leiter der Parlamentsredaktion der F.A.Z. in Berlin

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