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Zum Tag der Deutschen Einheit : Trotz allem Berlin

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Das Brandenburger Tor ist auch Zentrum der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Das Bürgerfest rund um das Brandenburger Tor dauert bis zum Abend des Einheitstages am 3. Oktober. Bild: dpa

Die Hauptstadt der Deutschen feiert die Einheit – und die Einheit feiert die Hauptstadt. Doch wie steht Berlin fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall da?

          Das Tor ist zu. Doch das ist schon der Normalfall in Berlin. Denn in der Hauptstadt wird immer ein Großereignis gefeiert, meist rund um das Brandenburger Tor, das dafür weiträumig abgesperrt wird. So ist es auch in diesen Tagen, wenn Berlin am 3. Oktober die deutsche Einheit feiert, die vor 29 Jahren mit dem Fall der Mauer begann und ein Jahr später in Berlin besiegelt wurde. Rund eine Million Besucher werden zum Einheitstag erwartet, unter dem Motto „Nur mit Euch“. Es wird eine Feiermeile geben, Konzerte, Ausstellungen, einen Festakt mit den politisch Verantwortlichen, einen Gottesdienst und ein Feuerwerk. Und natürlich werden rechte angebliche Patrioten und linke angebliche Antifaschisten demonstrieren, viele Polizisten werden aufpassen, die Berliner werden im Stau stehen oder lieber zu Hause bleiben. Die gleiche Prozedur wie immer.

          Doch wie steht die deutsche Hauptstadt fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall da? Schlechte Nachrichten über Berlin sind täglich zu hören und zu lesen: marode Schulen und fehlende Lehrer; zu wenige Wohnungen und explodierende Mieten; kriminelle Clans und eine Verrohung in vielen Nachbarschaften; Gerichtsverfahren, die eingestellt werden, weil die Justiz überfordert ist; dazu allerorten Dauerbaustellen und Müll in der Stadt. Und nicht zuletzt eine Verwaltung, die so schlecht funktioniert, dass eine Terminvereinbarung beim Bürger- oder Standesamt oder die Zulassung eines Autos geradezu als Glückserlebnis empfunden werden. Alle diese Missstände gibt es wirklich, auch wenn der Berliner Zeitungs- und Medienmarkt jedes Ding zu einer großen Sache aufbläst, um regionale Schlagzeilen zu produzieren.

          Die Politik in Berlin wird der Missstände nicht Herr

          Die Politik in Berlin wird dieser Missstände nicht Herr. Sie ist undurchsichtig und wenig effizient, oft herrscht organisierte Unzuständigkeit. Die Parteien schauen durch die bezirkliche Brille auf die Gesamtstadt. Sie sind interne Klubs, die sich nach außen abschotten. Fremde haben keinen Zugang, nur in Ausnahmefällen können sie etwas werden. Die etwas ändern wollten, wurden meist abgewiesen oder vergrault. Für die Bundesbeamten, die gutdotierte Jobs in Berlin haben, gibt es kaum Anreize, sich in den Parteien zu engagieren, in denen sie wenig willkommen sind. Bundes- und Landespolitik existieren getrennt voneinander.

          Der rot-rot-grüne Senat dümpelt vor sich hin, die drei ihn tragenden Parteien versuchen sich vor allem in Verbalradikalität zu überbieten. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller von der SPD ist unbeliebt, sein Job scheint ihm keine Freude zu machen. Die oppositionelle CDU ist so zerklüftet, dass sie von der Schwäche der Regierungsparteien nicht profitiert. Politisch ist Berlin immer noch geteilt: Im Osten wählt man Linke und AfD, im Westen CDU und FDP, in der gentrifizierten Mitte sind die Grünen stark. Das allerdings ist keine Besonderheit. Die Stadt ist so gespalten wie das Land. Die Folgen der vierzig Jahre dauernden Trennung in Ost und West hat auch Berlin noch nicht überwunden.

          Doch nach dem Abarbeiten der langen Berliner Mängelliste kommen andere Dinge in den Blick. Nach der großen Flaute im ersten Jahrzehnt der Einheit und einer ungewissen Zukunft im zweiten stehen die Zeichen heute in Berlin auf Hoffnung und Aufschwung. Die Stadt wächst, jedes Jahr um 50 000 Einwohner, sie steuert langsam, aber sicher auf die vier Millionen zu. Das Bruttoinlandsprodukt ist zwar, eine Ausnahme in Europa, in Berlin geringer als im Rest des Landes, aber es wächst bundesweit schneller als irgendwo sonst. Alles spricht dafür, dass es mit der Wirtschaft in Berlin weiter aufwärtsgehen wird. Die Stadt hat wieder Geld; der Sparkurs, der ihren Haushalt saniert, aber viele Probleme verschärft hat, kann gelockert werden. Vor allem aber ist die Stadt anziehend für viele Menschen weit über Deutschland hinaus. Die Start-up-Szene Berlins hat andere europäische Hauptstädte wie London hinter sich gelassen. Es gibt Zentren der Innovation wie in Adlershof, in denen Wissenschaft und Wirtschaft neue Fusionen eingehen. Drei gute Universitäten tragen dazu bei.

          Als Touristenziel mit rund 13 Millionen Besuchern im Jahr hat Berlin schon lange einen Spitzenwert erreicht, steht heute europaweit an dritter Stelle hinter London und Paris. Als Party-Welthauptstadt ist Berlin ohnehin bekannt. Die Kultur der Stadt ist so reich und vielfältig wie in wenigen Metropolen. Die Politik kann zumindest in dieser Hinsicht nicht alles falsch gemacht haben. Berlin, das sind die Philharmoniker und zahlreiche andere herausragende Orchester, drei hervorragende Opernhäuser, eine rege Theaterszene. Berlin ist eine Mode- und Designermetropole, es hat eine einmalige Galerien- und Künstlerszene, eine aufstrebende Gastronomie. In der Sportstadt an der Spree gibt es den Berlin-Marathon, Alba, die Füchse, die Eisbären und die Hertha, die sogar die Bayern schlagen kann.

          Vor allem aber ist Berlin eine liberale Stadt, die jedem seinen Raum bietet. Eine Zukunftsstrategie hat sie (noch) nicht. Aber sie ist offen, sie lässt Raum für Neues, besitzt eine wunderbare Ungeklärtheit. Wer das mag, der zieht nicht weg. Auch wenn das Tor schon wieder zu ist.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

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