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Zum 80. Geburtstag : Helmut Kohl - ein Patriot und Europäer

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1973 wurde Kohl Bundesvorsitzender der CDU - und behielt das Amt 25 Jahre lang Bild: F.A.Z.-Barbara Klemm

Er hat alle anderen Politiker des Landes in den Schatten gestellt, einmal auch sich selbst. Die Bilanz des „Ehrenbürger Europas“ am 80. Geburtstag ist glänzend, aber nicht makellos. Seine Möglichkeiten hat Helmut Kohl bis zum Äußersten ausgereizt.

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          Zielstrebigkeit und Machtbewusstsein haben Helmut Kohl zum dominanten Innenpolitiker, Gradlinigkeit und Versöhnlichkeit zum großen Außenpolitiker gemacht. Auf beiden Feldern reizte er seine Möglichkeiten bis zum Äußersten aus. Bisher hat kein Bundeskanzler länger regiert als er, und keiner hat einen bedeutenderen Erfolg für Deutschland errungen. Er hat alle anderen Politiker des Landes in den Schatten gestellt, einmal auch sich selbst.

          Seine Bilanz am 80. Geburtstag ist glänzend, aber nicht makellos. Der Glanz wird in den Schulbüchern stehen, der Makel, über den sich die Mediengesellschaft empörte, wird vergessen werden. Dies ahnt jeder. Daher mühen sich Freunde wie Gegner, doch noch zu einem angemessenen Urteil über den Politiker und den Menschen zu kommen, denn sie spüren, dass nicht Kohls Gewicht von ihrem Urteil abhängt, sondern ihr eigenes Gewicht davon abhängen könnte, wie sie über ihn geurteilt haben. Zugleich bricht sich mit Verspätung und noch unterschwellig das Bewusstsein Bahn, dass die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union einen Deutschen zum „Ehrenbürger Europas“ erkoren haben, als Zeichen dessen, dass Europa zu seiner Zeit mit Deutschland im Reinen war. Ein Moment mit Seltenheitswert und ohne absehbare Aussicht auf Wiederholung.

          Ein solcher Lebenslauf bekommt seine Ausrichtung noch im Heranreifen. Schon der Schüler Kohl vermochte Freunde um sich zu sammeln und Führung zu zelebrieren, anfänglich mit Teewärmer und Schleppe. Noch im Kindesalter entwickelte sich im Zweiten Weltkrieg, im Bangen um den Vater und in der Trauer um den gefallenen Bruder, die eigene „Sehnsucht nach Frieden und Freiheit“. Als Fünfzehnjähriger machte er sich Ende April 1945 aus einem Wehrertüchtigungslager bei Berchtesgaden zu Fuß auf den Weg in seine Geburtsstadt Ludwigshafen. Er empfand sich als zu jung, „um selbst in Schuld verstrickt zu werden, aber doch schon alt genug, um die Schrecken der Diktatur und das Leid des Krieges zu erfahren und wahrzunehmen“, schrieb er 59 Jahre später in seinen Erinnerungen.

          Im Wahlkampf: Helmut Kohl 1987 mit Gattin Hannelore
          Im Wahlkampf: Helmut Kohl 1987 mit Gattin Hannelore : Bild: F.A.Z.-Barbara Klemm

          Jene Zeit brannte ihm die Erkenntnis einer „Gnade der späten Geburt“ ein. Jahrzehnte später sprach er sie in Israel aus. In Deutschland wurde er dafür verspottet, mit Vorliebe von jenen, die so weit nach dem Krieg geboren wurden, dass sie nicht mehr von Dank dafür erfüllt wurden, dem Unheil und dem Schuldigwerden entgangen zu sein. Wie so viele seiner Generation brauchte „ich den Satz ,Nie wieder Krieg' nicht zu buchstabieren. Der war ein Teil meines Lebens, meines Wesens geworden“, beschrieb Kohl sein Credo.

          Aus dem „Schwarzen Riesen“ wurde schnell der „Oggersheimer“

          Früh durchschaute er, wie es gehen könnte, in jungen Jahren der Macht ganz nah zu sein: „Konrad Adenauers Sekretär“, antwortete er der Familie auf die Frage, was er werden wolle. Als CDU-Jungpolitiker vom Rhein tat er sich beim Niederreißen von Grenzschlagbäumen hervor. Vielleicht auch, um Hannelore Renner, seine Lebenspartnerin aus Tanzschultagen und spätere Ehefrau, zu beeindrucken. In der örtlichen Parteipolitik verhielt er sich regelgerecht. Seine Körperlänge machte es ihm leicht, sich durchzusetzen. Mit dem Einzug in den rheinland-pfälzischen Landtag war sein weiterer Weg geebnet. Als Ministerpräsident erhielt er einen eigenen Gattungsnamen: „Adenauers Enkel“. Merkwürdig war aber, wie rasch an die Stelle des „Schwarzen Riesen“ der „Oggersheimer“ gesetzt wurde, sobald er sich anschickte, die Bundespolitik mitzugestalten.

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