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Evangelische Kirche : Die Lebenslügen der EKD

Voll wie selten: Eröffnungsgottesdienst der 11. EKD-Synode am 9. November in Dresden Bild: dpa

Noch fließt die Kirchensteuer, aber das wird nicht so bleiben. Auch der evangelischen Kirche sterben die Leute weg. Doch die EKD setzt sich damit kaum auseinander. Und nichts deutet darauf hin, dass das unter ihrem neuen Vorsitzenden anders wird.

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          Nach seiner Wahl konnte Heinrich Bedford-Strohm gleich mit einer Neuigkeit aufwarten: Der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland ist der Ururururenkel von Lucas Cranach. Vergleichbares konnte noch keiner seiner Vorgänger von sich sagen. Ansonsten hat Bedford-Strohm bisher kaum etwas gesagt, was seine Vorgänger nicht auch hätten äußern können: dass die Kirche sich weiterhin „einmischen“ werde, aber dabei nicht besserwisserisch auftreten wolle; dass man 2017 den Beginn der Reformation vor fünfhundert Jahren gebührend feiern möchte, aber das ökumenisch offen tun werde; dass man Rüstungsexporte strikt begrenzen wolle, diese aber in manchen Fällen wie derzeit im Irak für gerechtfertigt halte.

          Bedford-Strohm hat zu allem, wozu er gefragt wurde, wohlabgewogene Positionen vorgetragen. Über das Terrain des Selbstverständlichen hat er sich dabei nicht hinausgewagt. Hätte der bayerische Landesbischof schon in der vergangenen Woche vorgetragen, was die EKD unter seiner Führung künftig alles anders und besser machen wolle, wäre das als Affront gegen Nikolaus Schneider verstanden worden.

          Finanzquellen werden ab 2017 spärlicher sprudeln

          Lange wird sich Bedford-Strohm aber nicht um die entscheidende Frage drücken können, mit der er sich in seiner Amtszeit befassen muss. Die Frage ist nicht, was die Kirche zu diesem oder jenem Problem in der Gesellschaft zu sagen hat. Darauf hat die EKD noch immer Antworten gefunden. Und soweit sich Bedford-Strohm daran bisher beteiligte, ist dabei auch etwas herausgekommen, bei dem sich das Zuhören lohnte. Nun aber lautet die Frage, wie sich die evangelische Kirche ihre eigene Zukunft vorstellt. Da er erst seit drei Jahren Landesbischof ist und in Bayern einer finanzkräftigen und traditionell gut geführten Landeskirche vorsteht, musste Bedford-Strohm noch keine Antwort geben.

          Doch die Zeit drängt. Im Geld schwimmen die Kirchen in Deutschland nicht. Die derzeitige finanzielle Lage der Kirchen gleicht eher dem Sitzen in einer ordentlich gefüllten Badewanne, in der gerade der Wasserhahn zugedreht wird und es um den Abfluss herum verdächtig zu gurgeln beginnt. Die Haushälter in den Kirchenämtern rechnen damit, dass es bald nach dem Reformationsjubiläum 2017 kalt und ungemütlich werden wird.

          Arbeit an den Bedürfnissen vorbei

          Die EKD vermeidet es tunlichst, sich damit auseinanderzusetzen. Die Kirchenreform, die der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber angestoßen hatte, ist von seinen Nachfolgern nur noch rhetorisch weiterbetrieben worden. Wie will sich Heinrich Bedford-Strohm dazu verhalten? Wird er beginnen, über die Lebenslügen seiner Kirche zu sprechen, wie es sein akademischer Lehrer Huber in seiner Zeit als Ratsvorsitzender getan hat? Wenn die Finanzkraft bis zum Jahr 2030, wie vorhergesagt, aufgrund von demographischem Wandel, Kirchenaustritten und Taufunterlassungen um bis zu fünfzig Prozent einbricht, ist es mit Einsparungen nach der Rasenmähermethode wie bisher nicht getan. Die Kirche wird sich in Zukunft viel genauer überlegen müssen, wofür sie ihre Mittel einsetzt.

          Ökumenisch feiern: Heinrich Bedford-Strohm Mitte November auf Antrittsbesuch beim Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (links,) in München

          Nach ihrer neuen Mitgliedschaftsstudie arbeitet sie in erheblichem Umfang an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder vorbei. Das auch schon in der Vergangenheit vielfach belegte Ergebnis dieser Studie, dass es vor allem darauf ankommt, einen Pfarrer vor Ort zu haben, wird weiter ignoriert. Auch Bedford-Strohm gehört zu denen, die sich auf die altbekannte Kompromissformel zurückziehen, man dürfe die Arbeit in den Kirchengemeinden nicht gegen die in den vergangenen Jahrzehnten in großer Zahl geschaffenen übergemeindlichen Stellen ausspielen. Ja, warum eigentlich nicht?

          Nichts zu vererben außer Pensionslasten

          Antwort: Weil es das Eingeständnis wäre, dass die Kirchengeschichte nach 1945 sich nicht ausschließlich als Geschichte einer evangelischen Kirche erzählen lässt, die alles besser macht. Seine politischen Verfehlungen hat der Protestantismus gründlich aufgearbeitet; das stimmt. Aber in der Neuorganisation der kirchlichen Arbeit sind erhebliche Fehler gemacht worden. Nun geht man auf eine kirchengeschichtliche Epochenschwelle zu – und die wohlhabende Kirche der Vergangenheit hat der armen Kirche der Zukunft nichts zu vererben außer Pensionslasten.

          Weil das kein schönes Erbe ist, spricht man nicht gern darüber, sondern beschäftigt sich lieber weiter mit sich selbst. In der EKD-Synode widmet man sich unverdrossen der Erarbeitung von Kundgebungen. Ihre jährlichen Tagungen wirken streckenweise nicht wie Kirchenleitung, sondern wie Erwachsenenbildung. In den Einrichtungen, Diensten und Werken wird mittels Hochglanzzeitschriften darüber kommuniziert, was die Kollegen in den Parallelstrukturen gerade so interessant finden. Die organisierte Pfarrerschaft beklagt „Reformstress“. Wie will sie dann das nennen, was erst noch auf sie zukommt?

          Hinter vorgehaltener Hand klagen Bischöfe und Oberkirchenräte mehr oder minder alle über strukturelle Lähmung. Gleichzeitig ziehen sie sich selbst, zumindest in ihrer Mehrzahl, auf eine Moderatorenrolle zurück. Der neue EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm sollte es anders halten.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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