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Zündel-Prozeß : Der Müll, die Stadt und das Fräulein Stolz

Ernst Zündel: Militärischer Gruß im Gerichtssaal Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Vor dem Landgericht Mannheim findet derzeit ein Prozeß statt, für den sich sogar das kanadische Fernsehen interessiert. Ernst Zündel ist wegen Volksverhetzung angeklagt. Im Gerichtssaal geht es hoch her.

          Der Wind hat den Überschuß der Abfallkörbe auf Gehwegen und Grünstreifen verteilt. Das kanadische Fernsehteam, das die Stadt zum ersten Mal sieht und nichts vom Streik im öffentlichen Dienst weiß, muß Mannheim für die Metropole des Mülls halten. An den Häusern lagern Haufen gelber und hellblauer Säcke. Kalter Regen zeichnet das Bild weich.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Kanadier sind gekommen, um den Prozeß gegen Ernst Zündel zu beobachten. Zündel ist Schwabe, Sohn eines Holzfällers aus Calmbach im Schwarzwald, dort kam er im April 1939 zur Welt. 1958 wanderte er nach Toronto aus, laut Selbstauskunft aus „Seelennot wegen des herannahenden Waffen- und Militärdienstes“. In der Neuen Welt hat er sich dann zu einer Schlüsselfigur der „Revisionisten“ entwickelt. Ihr Credo ist die Leugnung des Holocausts, die in Deutschland unter Strafe steht.

          Beifall vom Publikum

          Weil Zündel seine Botschaft auch hierzulande verbreitet, seit 1994 nicht zuletzt im Internet, ist in Mannheim auf Betreiben des inzwischen pensionierten Staatsanwalts Klein Haftbefehl gegen ihn ergangen. Die Freiheit der Rede genießt in der angelsächsischen Rechtstradition höheren Rang als in der kontinentaleuropäischen, dennoch war der fanatische Judenhasser Zündel auch in Kanada in mehrere Prozesse verwickelt.

          Trotz Begehrens konnte er die kanadische Staatsbürgerschaft nie erlangen. Seit Februar 2003 saß er in Sicherungs- und Abschiebehaft. Vor einem Jahr wurde Zündel, der sich selbst ein „Geschenk an die Welt“ nennt, als unerwünschte Person aus Kanada ausgewiesen und am 1. März nach Deutschland abgeschoben.

          Als der kleine Mann in verwaschenen Jeans, hellblauem Hemd und gestreifter Krawatte vom Vollzugsbeamten in den fensterlosen Schwurgerichtssaal geführt wird, empfängt ihn das Publikum mit Beifall. Gut achtzig seiner Anhänger sind gekommen.

          Die mittlere Generation fehlt

          Etwa die Hälfte von ihnen ist im Rentenalter, Dreißiger- und Vierziger-Jahrgänge: Männer in weichen Schuhen und in Pullovern, die nicht aus der Mode kommen können, weil sie nie darin waren. Auch Frauen sind da, im selben Alter, mit mehr Aufwand zum selben Ergebnis gestaltet. Außerdem einige geschmackvoll gekleidete Damen mit weißen Haar, zurückgebürstet und im Nacken zusammengefaßt, mit ungeschminkten Gesichtern und lebhaften Augen.

          Sie haben in ihrer Jugend bestimmt Else Urys „Nesthäkchen“-Romane gelesen, in denen das reformierte Weiblichkeitsideal natürlicher Frische ausgestaltet wurde. Die eine oder andere ist anderweitig ebenfalls wegen Volksverhetzung angeklagt.

          Dasselbe gilt für die jungen Männer mit den auffallend kurzen Haaren im Publikum. Die meisten kommen aus dem Osten, wie die Sprachfärbung verrät. Die mittlere Generation fehlt, sie hat ihren Teil des Generationenvertrags zu erfüllen, auch heute, am zweiten Verhandlungstag.

          Unterbrechung in Schwarz und Violett

          Der Anlauf des Verfahrens liegt Monate zurück, er endete am 9. November mit der Entpflichtung der Verteidigerin Sylvia Stolz durch das Gericht. Außerdem strengte der Staatsanwalt Großmann wegen ihrer Ausführungen gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung an. Ein anderes ist in Lüneburg anhängig.

          Inzwischen ist „Fräulein Stolz“, wie sie von ihren Verehrern genannt wird, zusammen mit Jürgen Rieger und dem greisen Dr. Herbert Schaller aus Wien Zündels dritte Wahlverteidigerin. Unentwegt fällt sie dem Vorsitzenden ins Wort. Kaum hat er ein, zwei oder drei Sätze hinter sich gebracht, erklingt schon ihr „Herr Meinerzhagen“. Dahinter steckt kein Mangel an Selbstbeherrschung: Fräulein Stolz kämpft um die Herrschaft über den Adrenalinspiegel des Vorsitzenden. Fähnchen um Fähnchen setzt sie in ihre Feldzugskarte, und jedes Fähnchen ist ein Nadelstich.

          Fräulein Stolz ist Anfang Vierzig, aber sie hat sich einen mädchenhaften Körper erhalten und betont das, sofern sie nicht die Robe trägt, mit einem hautengen Strickkleid. Sie wiegt bestimmt keine fünfzig Kilo. Zum kleinen Schwarzen trägt sie schwarze Strümpfe, schwarze Schnallenschuhe im Rokokostil und einen mit kräftigen Violettönen spielenden Seidenschal, vom gleichen Violett wie die Reichsflagge unter dem Reichsadler auf ihrem Briefkopf - der Tintenstrahldrucker hat das Rot zum Weiß und Schwarz nicht hinbekommen.

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