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Zündel-Prozeß : Der Müll, die Stadt und das Fräulein Stolz

Salbungsvoller Schulmädchenton

Darunter steht: „In Geschäftsführung ohne Auftrag für das Deutsche Reich“. Mit dunklem, zurückgeföntem Haar und dem blauen Lidschatten erinnert Fräulein Stolz freilich eher an modebewußte Avon-Beraterinnen der späten Sechziger. Sie kommt aus Ebersberg bei München, ihre Sprache ist kräftig bayerisch akzentuiert, doch die Stimme wiederum mädchenhaft hell. Mit diesem Diskant dringt sie durch.

Immer wieder wird Meinerzhagen damit aus dem Konzept gestochen, besonders auch beim Diktieren von Protokollvermerken, wo - schmerzliche Eigenart der deutschen Sprache - der Zusammenhang zwischen Satzanfang und -ende unterwegs allzu leicht verlorengeht. Dem Vorsitzenden platzt der Kragen, Fräulein Stolz säuselt über Lautsprecher: „Herr Meinerzhagen, warum müssen Sie schon wieder herumschreien? Haben Sie das nötig.“

Es gelingt ihr, nie die Stimme zu heben, während sie unterbricht. Es soll unschuldig wirken. Der Vorsitzende bekommt sein Rot gut hin, auf dem Gesicht. „Ich heiße Dr. Meinerzhagen.“ Er wünsche, von der Verteidigung hier nicht als Privatperson angesprochen zu werden. „Ich bin der Vorsitzende der Kammer und leite diese Verhandlung.“ - „Herr Meinerzhagen...“ - „Dr. Meinerzhagen!“ - „Wünschen Sie, daß ich Sie mit ihrem Doktortitel anspreche?“ - „Ich heiße Dr. Meinerzhagen und werde mit Herr Vorsitzender angesprochen.“ - „Herr Meinerzhagen, ich nehme es zur Kenntnis. Ich rede Sie mit Ihrem Namen an. Dabei bleibt es.“ In salbungsvollem Schulmädchenton.

Gefühlstemperatur erreicht Höchstgrade

Niemand läßt sich gerne ins Wort fallen, ob mit Pauken oder Schalmeien. Der Vorsitzende hat darüber hinaus die Verhandlung zu leiten. Er ist, nach langen Jahren im Beruf und nicht mehr ewig von der Pensionsgrenze entfernt, daran gewöhnt, daß man ihn läßt. Fräulein Stolz hat nicht die Absicht. Ihr ist egal, ob der Richter sie mag oder ihren Mandanten.

Mit dessen Verurteilung rechnen alle fest - ob nun „zu vier, fünf oder sechs Jahren“, wie Günter Deckert sagt, der ehemalige NPD-Vorsitzende, der inmitten der Zuschauer sitzt. Auch er war schon wegen Volksverhetzung im Gefängnis. 1988 wurde er aus dem Landesdienst entlassen, legt aber vor dem kanadischen Reporter weiterhin Wert auf seine frühere Amtsbezeichnung: „Ober-Studien-Rat: that is the highest degree for teachers“.

Die Gefühlstemperatur im Saal hat ebenfalls Höchstgrade erreicht. Der Vorsitzende vernimmt drei Männer ein, die am zweiten Verhandlungstag, nach Schluß der Sitzung, die erste Strophe der Nationalhymne gesungen hatten.

Armes Deutschland

Der älteste der drei ist der 39 Jahre alte Handwerker Dirk Reinecke, er blickt als Angeklagter auf einschlägige Verfahren in Potsdam und Bernau zurück, auch ihn hat Fräulein Stolz verteidigt. Jetzt spricht er flammende Sätze. Die beiden jüngeren, Kevin K. und Silvio M., ebenfalls aus den neuen Ländern, kommen da nicht ganz mit und kargen mit Worten: „Ich schließe mich dem an. Und, äh, ja.“

Das Gericht verhängt für jeden 200 Euro Ordnungsgeld. Reinecke höhnt, er fühle sich geehrt, von diesem Richter verurteilt zu werden. „So etwas hätte ich von einem deutschen Gericht nicht erwartet“, ruft jemand. „Es handelt sich hier ganz offensichtlich nicht um ein deutsches Gericht“, erwidert Fräulein Stolz. Einer aus dem Publikum brüllt: „Freisler!“ Der Staatsanwalt erhebt sich: „Wer hat hier Freisler gerufen? Meld dich mal, Feigling.“

Fräulein Stolz weist mit dem Finger auf den Staatsanwalt: „Sie sind der Feigling.“ Der Feigling aus dem Publikum hat sich gemeldet, er war insofern doch keiner oder ahnt nicht, was ihn erwartet: vier Tage Ordnungshaft, sofortiger Vollzug. Die Polizei - das Landgericht wird in drei konzentrischen Ringen von Einsatzkräften gesichert - führt den Mann ab. „Armes Deutschland“, sagt Fräulein Stolz. Ihr Mentor, der mit Berufsverbot belegte Rechtsanwalt Horst Mahler, faltet die Hände über dem Bauch und lächelt fein.

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