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AfD : Die rechten Fäden in der Hand

Angst vor „großangelegtem Wahlbetrug“

Doch die AfD und Kubitschek verbinden längst mehr als persönliche Freundschaften. Als zwei Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt im Wahlkampf ein Flugblatt entwarfen, half Ellen Kositza ihnen bei der Gestaltung. Und als die sachsen-anhaltische AfD im Landtagswahlkampf ihre Anhänger aufrief, als Wahlbeobachter einen „großangelegten Wahlbetrug“ zu verhindern, wurde ebenfalls auf Kubitschek verwiesen. Der hatte zusammen mit dem Herausgeber des verschwörungstheoretischen „Compact“-Magazins, Jürgen Elsässer, die sogenannte „Ein-Prozent“-Initiative entwickelt, nach der ein Prozent der Deutschen ausreicht, um eine nachhaltige Veränderung des gesellschaftlichen Klimas herbeizuführen. Die „Ein-Prozent“-Initiative organisierte für die AfD in Sachsen-Anhalt die gesamte Registrierung ihrer Wahlbeobachter.

Die AfD will Kubitschek als Bewegung sehen, nicht als Partei. Er möchte dort den „fundamentalen Anteil wachhalten, damit überhaupt etwas passiert“. Die „Neue Rechte“ wolle „das Wasser in Bewegung halten, bevor es wieder zufriert“. Kubitschek will das Gedankengut der Konservativen Revolution in die Parteidebatte einspeisen: antiliberale, antiparlamentarische und antiwestliche Konzepte, die eine fundamentale Abkehr vom Weg bedeuten, den Deutschland nach 1945 eingeschlagen hat. Exponent jener Konservativen Revolution, in Schnellroda meist nur „KR“ genannt, war der sogenannte „Kronjurist des Dritten Reiches“, Carl Schmitt. Den Autor des berüchtigten Aufsatzes „Der Führer schützt das Recht“ zitiert Kubitschek am häufigsten.

Bier aus einem Barbarossa-Humpen

Kubitschek denkt konsequent entlang von Schmitts Schemata, etwa in der Frage, wer Feind ist und wer Freund – oder wer Deutscher ist und wer Ausländer. Zum Beispiel ist Kubitschek der Meinung, dass Deutsche mit ausländischen Wurzeln keine Deutsche sind, wenn sie nicht bereit wären, für Deutschland zu sterben. „Loyal ist, wer bereit ist, für das Land, in dem er lebt, in den Krieg zu gehen und sich erschießen zu lassen“, sagt Kubitschek. Im Übrigen sei deutsch, wer von deutschen Eltern abstamme. In der Zusammenfassung lautet seine Position: Gegen Ausländer hat er nichts, solange sie nicht in großer Zahl nach Deutschland einwandern. Kommen sie doch, haben die Deutschen das Recht, aktiv Widerstand zu leisten, wie im Februar im sächsischen Clausnitz. Damals hatte ein aufgebrachter Mob einen Flüchtlingsbus blockiert und „Wir sind das Volk!“, „Verpisst euch!“ und „Haut ab nach Hause!“ gebrüllt. Verängstigte, weinende Kinder saßen über Stunden in dem blockierten Bus. „Ist da eine Person zu Schaden gekommen? Da kann man doch nichts sagen“, sagt Kositza. „Was ist denn daran schlimm? Mein Gott, da gibt’s in der Schule vielleicht größere Angst vor einer Mathearbeit“, sagt Kubitschek.

Dunkelheit legt sich über Schnellroda. Statt Bier aus einem Barbarossa-Humpen gibt es nun Rotwein. Das Gespräch dreht sich um das Deutschland-Bild der „Neuen Rechten“. Die Frage, was Kubitschek für „das Deutsche“ oder „das Eigene“ hält. Kubitschek sitzt am Kopf des Tisches und denkt darüber nach. Seine Rückenlehne ist höher als die seiner Gesprächspartner. Die Deutschen seien „ein Volk mit einer besonderen Disposition“, setzt er an. „Das Geistige, das Ideelle extrem ernst zu nehmen, auch total zu übersetzen in die Wirklichkeit hinein“, das sei deutsch. „Und wirklich in so ideellen Maßstäben zu denken und zu handeln.“

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