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Zschäpe entlässt ihre Verteidiger : Es muss etwas Gravierendes gewesen sein

Ohne Vertrauen: Die Zukunft der Anwälte Sturm, Stahl und Heer im Prozess ist unsicher Bild: dpa

Dass Beate Zschäpe ihre Verteidiger entlassen hat, könnte den NSU-Prozess um Monate verzögern. Ob die Anwälte aber wirklich entpflichtet werden, liegt im Ermessen des Richters.

          Am Vormittag hatte Verteidiger Wolfgang Heer noch Weingummis neben den Laptop seiner Mandantin gelegt, als er wie seine Kollegen Wolfgang Stahl und Anja Sturm darauf wartete, dass Beate Zschäpe nach einer Verhandlungspause in den Saal geführt wird. Da war im Gerichtssaal noch nichts davon zu ahnen, dass dieser Mittwoch ganz anders verlaufen wird. Erst der starre Gesichtsausdruck von Beate Zschäpe, als nach der Mittagspause eigentlich wieder begonnen werden sollte, sie auf ihrem Platz saß und Wolfgang Stahl neben ihr stehend auf sie einredete, deutete auf Ungewöhnliches.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für eine bloße Unpässlichkeit Zschäpes wirkte Stahl zu ernst, für ein Strategiegespräch zu erregt. Ein Prozessteilnehmer meinte, sie habe „Schade“ gesagt, als sie ihm später die Hand gab und danach mit den Vollzugsbeamten an ihrer Seite im Vorführraum verschwand und den Rest des Saales wie vom Donner gerührt zurückließ.

          Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl, sichtlich um Haltung bemüht, vorgetragen, was Beate Zschäpe dem Gericht in der Mittagspause mitgeteilt hatte: „Sie hat kein Vertrauen mehr in ihre Verteidiger.“ Nun müsse sie bis zum Donnerstag 14 Uhr schriftlich erklären, was denn dieses Vertrauen so erschüttert hat, dass sie keine andere Möglichkeit sieht, als das Gericht um die Entpflichtung der Verteidiger zu bitten.

          Negative Folgen für den Prozess

          Es müsse schon etwas Gravierendes vorgefallen sein, mutmaßten später Prozessteilnehmer. Dass sie vielleicht aussagen wolle und ihre Verteidiger das nicht mittragen wollten, wurde spekuliert. Und dass dies jedoch keine spontane Reaktion gewesen sein könne, sondern sich vielleicht schon länger abzeichnete. Doch für alle kam dieser Schritt völlig überraschend.

          Die Konsequenzen bezeichneten Nebenklägervertreter und manche Verteidiger der anderen Angeklagten als negativ: Sollte das Gericht ihren Antrag bewilligen, könnte es Monate dauern, bis zum einen neuen Anwälte gefunden seien und diese sich dann eingearbeitet hätten. Angesichts eines Aktenvolumens von rund 280000 Blatt dürfte dies Monate in Anspruch nehmen. Damit geriete nicht nur die ohnehin schwierige Terminierung der weiteren Zeugenaussagen abermals durcheinander.

          Der Prozess gegen Beate Zschäpe steht vor einer Zäsur

          Eine Unterbrechung betreffe auch die Haftfrage von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben, die die beiden einzigen der fünf Angeklagten sind, die sich in Untersuchungshaft befinden. Auch seien Revisionsgründe leichter zu finden, sollte das Gericht die Anwälte im Verfahren belassen und Beate Zschäpes Bitte nicht entsprechen. Dann müsse sie mit ihr unliebsamen Anwälten weitermachen, was dieses ohnehin sehr schwierige Verfahren noch weiter komplizieren dürfte. Nach 128 Verhandlungstagen noch einmal von vorne zu beginnen, wurde ebenso als mögliche und gefürchtete Folge genannt. Möglich sei unter Umständen auch, vielleicht einen der Anwälte im Verfahren zu belassen und ihr noch zusätzlich zwei weitere neue zur Seite zu stellen.

          Verteidigern gelang kein Befreiungsschlag

          Dass es so tiefgreifende Konflikte zwischen Verteidigung und Mandantin gibt, hatte man im bisherigen Verlauf nicht ohne weiteres ablesen können. Gerade zu Wolfgang Heer schien sie ein sehr vertrautes Verhältnis zu haben, oft sah man die beiden scherzend die Köpfe zusammenstecken, er hatte sich auch immer sofort zu ihr gewandt, wenn Beate Zschäpe offenbar eine Ergänzung zu Zeugenaussagen wünschte. Vielleicht war die Aussage von Tino Brandt, der am Dienstag erstmal in aller Deutlichkeit Beate Zschäpe als politisch involviertes Mitglied des Thüringer Heimatschutzes belastet hatte, wenn auch nicht der Grund, so doch der Auslöser für diesen endgültigen Schritt.

          Denn auch am Mittwoch hatten ihre Verteidiger die Aussagen des ehemaligen Landesvorsitzenden der thüringischen NPD nicht wirklich entkräften können. Zwar mühten sie sich, seine Angaben zu den Treffen der Kameradschaften als „Stammtische“ im Wortsinne umzumünzen, wo lediglich Bier getrunken wurde. Doch dies konnte die Relevanz ebenso wenig herunterspielen wie die Frage, ob er sich an Äußerungen Zschäpes erinnere. Nein, eigentlich nicht, sagte Brandt. „Also“, fasste Stahl zusammen, „Ihre Umschreibung ‚keine dumme Hausfrau’ muss ich nicht gleichbedeutend setzen mit ‚Sie war Meinungsbildnerin?“ - „Nein.“ Der große Befreiungsschlag für Beate Zschäpe war das nicht.

          Die Entscheidung von Zschäpe, nach einem Jahr Verteidigung in einem Handstreich ihren Anwälten das Misstrauen auszusprechen, könnte im Gegenteil die These belegen, dass sie genau die meinungs- und durchsetzungsstarke Frau ist, als die sie von Zeugen wie Brandt beschrieben wurde.

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