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Zoff bei der AfD : Tag des Donners

Stunk im Hause AfD? Frauke Petry und Björn Höcke werden sich nicht einig. Bild: dpa

Frauke Petry und Björn Höcke haben Differenzen. Ein Telefonat zur Klärung scheint nicht zu helfen. Warum die Bundesführung der AfD wieder auf einen Großkonflikt zusteuert.

          3 Min.

          Die AfD ist eine zutiefst menschliche Partei, ein Stoff für Romane. Ihre Charaktere haben schillernde Eigenschaften, sie wandeln sich, leiden an Zerrissenheit, üben Verrat, scheitern. Es ist mehr als ein Jux, dies zu sagen, denn Menschlichkeiten haben in der AfD immer eine Rolle gespielt, zum Beispiel am 22. Oktober 2015.

          Justus Bender
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An jenem Donnerstag geschah ein kleiner Verrat, von dem – und da schillert es wieder – noch unklar ist, wer ihn an wem begangen hat. Vielleicht hat der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke an diesem Tag die Bundesvorsitzende Frauke Petry verraten, vielleicht war es aber auch umgekehrt. Der kuriose Umstand, dass dies unbekannt ist, wird die kommenden Wochen in der AfD ebenso prägen wie der eigentliche Inhalt der Streitigkeit. Seit jenem Donnerstag sind nämlich zwei Dinge klar: Höcke wird nicht aufhören, die Parteiführung von rechts außen in die Bredouille zu bringen. Und: Der neue, eigentlich auf Einigkeit angelegte AfD-Bundesvorstand hat seine Sollbruchstelle dort, wo der alte sie auch hatte: entlang der Frage, ob die AfD eine bürgerliche oder eine populistische Partei sein will. Doch der Reihe nach.

          Telefonat zwischen Petry und Höcke

          Über Petry als Mensch wird oft gesagt, sie sei keine Überzeugungstäterin, eher eine, die von den Verhältnissen in Rollen gezwungen wird, welche sie dann mit einiger Akkuratesse ausfüllt. Petry war immer schon Sachsens Landesvorsitzende, aber früher mehr als heute. Als Sachsen noch ihre einzige Machtbasis war, da war sie die etwas nationalkonservative Sächsin, heute ist sie vor allem die Bundesvorsitzende. Petry glaubt daran, dass es ihre Pflicht ist, Einigkeit herzustellen, sonst ist sie keine gute Vorsitzende.

          Über Höcke sagen seine Vertrauten, er sei eigentlich kein Haudrauf, sondern ein sensibler, scheuer Mann, aber auch einer mit einem Bedürfnis, das er im Privaten selten auslebe – eher schon, wenn er mit einem Mikrofon in der Hand vor 10.000 national gesinnten Demonstranten stehe. Am 22. Oktober führten Petry und Höcke über ihre Dispositionen ein Telefonat. Es muss irgendwann am Vormittag gewesen sein. Anlass war, dass Petrys Pflichtverständnis mit Höckes Bedürfnis kollidiert war. Höcke hatte in einer Talkshow in rechtsideologischer Weise provoziert, Petry hatte um die Einheit der Partei gefürchtet.

          Nach dem Gespräch gab Höcke um 11.42 Uhr eine Pressemitteilung heraus, die aus vier Sätzen bestand. Der wichtigste lautete: „Wir haben einen gewählten Bundesvorstand, der eine gute Arbeit macht und der in der Lage ist, ein großes Meinungsspektrum innerhalb der AfD zu erhalten.“ Das sollte wohl heißen: Ein Angriff auf Höcke ist ein Angriff auf die Meinungspluralität. Und: Dem Bundesvorstand würde das gar nicht gefallen. Reumütig klang das eher nicht. Dann fuhr Höcke nach München. Dort hatte er um 19 Uhr eine Rede vor AfD-Anhängern im Stadtteil Pasing zu halten.

          Einer von beiden flunkerte

          Der Applaus, Höckes Bedürfnis, alles kam wieder zusammen. „Jetzt hätte ich große Lust, eine richtige Bierzeltrede zu halten. Sakko aus, Ärmel hoch, und dann geht’s los!“, rief Höcke. Er erwähnte seinen Talkshow-Auftritt und stellte die Frage, wie man sich verhalten solle. „Ich glaube, wir müssen als AfD dort provozieren“, sagte Höcke und rief mit Tremolo in der Stimme: „Die Provokation ist das Schwert in der Hand des Schwachen, liebe Freunde!“ Applaus. Er wisse, sein Talkshow-Auftritt habe polarisiert. „Aber ich weiß, ich würde es wieder so machen!“ Applaus, Applaus.

          Drei Stunden später saß Petry in der Talkshow von Maybrit Illner und sagte, es müsse in der Flüchtlingspolitik um Sachfragen gehen. Sie erzählte auch, Höcke habe in dem Telefonat „eingeräumt, dass er Fehler gemacht hat und dass er bereit ist, diesen Stil zu ändern“. Das klang, als hätte Petry die Partei geeint. Es klang aber auch wie das Gegenteil dessen, was Höcke gerade in München getan hatte. Einer von beiden flunkerte. Entweder hatte Höcke sich bei Petry kleinlaut gegeben, um anderswo seine Lautstärke wieder zu erhöhen. Oder Petry hatte Höcke in dem Telefonat auf wundersame Weise falsch verstanden.

          In beiden Fällen muss der 22. Oktober zu einem Vertrauensverlust geführt haben. Höcke kann es offenbar nicht lassen. Und Petry kann ihn nicht machen lassen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Sollte Höcke noch einmal so provozieren, dass Petry zu einer Reaktion gezwungen ist, könnte sie unter Druck geraten, mehr zu tun, als zu telefonieren. So steuert die AfD mit hoher Geschwindigkeit auf ihren nächsten Großkonflikt zu. Seine nächste Rede hält Höcke schon an diesem Mittwoch, bei einer AfD-Demonstration in Erfurt.

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