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Zigarettenlobby : „Tabak bringt die Menschen zusammen“

  • -Aktualisiert am

„Blaue Stunde” Bild: dpa

Mit unverfänglichen Small-Talk-Runden wirbt die Zigarettenlobby für den Nikotingenuss und kämpft gegen ein Rauchverbot zu verhindern. Ihre Positionspapiere finden schon mal den Weg in die Zirkel der Macht. Von Thomas Holl.

          5 Min.

          Michel Friedman ist in seinem Element. Nach einer kurzen Kunstpause richtet der wieder omnipräsente Fernseh- und Illustriertenanwalt den Blick spannungsvoll ins Publikum und ruft mit vertraut ansteigender Dramatik in der Stimme: „Ich bin ein bekennender Raucher!“ - um dann im zweiten Akt lächelnd seine ganz persönliche Genussraucherphilosophie auszubreiten. „Aber ich mag lieber Zigarren als Zigaretten. Da ist beim Rauchen mehr Gelassenheit. Eine Zigarette brennt so schnell ab.“

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Damit ist das für viele der gut 70 Gäste unerfreuliche Thema Rauchverbot und Nichtraucherschutz gleich zu Beginn des Abends ausreichend gewürdigt. Unter dem Titel „Spreegespräche“ hat der Verband der Cigarettenindustrie (VDC) ausgewählte Bundestagsabgeordnete, Journalisten, Anwälte, Unternehmer und andere wichtige Hauptstadtbewohner in seinen edlen Clubraum geladen, der in Berlins Mitte liegt, in Sichtweite des Bundespresseamtes. Bei dem einen oder anderen Glas guten Rotweins, viel Nikotin und mit Hilfe prominenter Gäste werden hier von behaglichen Clubsesseln aus regelmäßig Themen aus Politik und Kultur erörtert.

          Eheglück, Koalition und Kanzlerin

          Das „Spreegespräch“, das der eigens als Stichwortgeber engagierte Medienunternehmer und frühere NDR-Talkshow-Plauderer Hubertus Meyer-Burckhardt in den nächsten zwei Stunden mit seinem „lieben Freund Michel“ führt, schlägt einen weiten Bogen vom Eheglück („Nein, ich habe keine Affären, ich bin seit zwei Jahren verheiratet“) über den Zustand der großen Koalition („Ich bin enttäuscht“) und den politischen Auftritt der Kanzlerin („Ich bin ein Fan von ihr“) zum Krieg im Irak („Ich war dafür“), um sich schließlich der verfahrenen Lage im Nahen Osten zu widmen.

          Am Ende kommt Meyer-Burckhardt dann passend zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in seinem Schlusswort auf die angeblich friedensstiftende Wirkung des Gastgeberproduktes zu sprechen: „Der Abend hat gezeigt, Tabak bringt die Menschen zusammen, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.“

          Herzlich bis überschwänglich begrüßt

          Andrea Winkhardt wirkt zufrieden. Die von ihr organisierte Veranstaltung hat den zumeist männlichen Gästen jenseits der 40 wieder einmal gut gefallen, die nun noch beim Smalltalk, einer Zigarette und einem letzten Glas im Stehen den Abend ausklingen lassen. Die 48 Jahre alte ehemalige Fernsehjournalistin Winkhardt, die fast alle Gäste persönlich kennt und herzlich bis überschwänglich begrüßt, ist seit 1990 Pressesprecherin des VDC.

          Die Gesprächsabende sind ihr Einfall, vor dem Regierungs- und Parlamentsumzug hießen sie noch „Oberkasseler Gespräche“ und fanden in Bonn statt. Als der VDC vor knapp 17 Jahren zunächst von Hamburg an den Rhein zog, sollten die Gesprächsrunden den Tabakverband unter den um die Aufmerksamkeit der Politiker buhlenden zahllosen anderen Lobbyisten bekannt machen.

          „Genuss und Gespräch im Mittelpunkt“

          „Wir wollten kulturelle und politische Themen aufgreifen, um zu zeigen, dass wir nicht nur eine Nabelschau betreiben“, beschreibt Frau Winkhardt einen Tag später in ihrem großzügig-eleganten Büro, dessen Wände hübsche Karikaturen zum Thema Rauchen schmücken, die Philosophie der VDC-Abende. Ein Auftritt von Ehrengästen wie Heribert Prantl, Lothar Späth oder Bärbel Bohley in solchen Gesprächsrunden habe eben nichts mit dem Produkt Zigarette zu tun, beteuert sie.

          Mit solchen Veranstaltungen habe der VDC vielmehr zeigen wollen, dass „wir auch ein Podium für einen Teil des Gesellschaftsdiskurses sind“. Neben diesen halbpolitischen Gesprächsrunden lädt die Raucherin Winkhardt im Namen des VDC auch gerne zu rein geselligen Treffen und Festen ein, die unter dem Motto „Blaue Stunde“ oder „Feuerabend“ gute Stimmung für ein gesundheitsgefährdendes Produkt erzeugen sollen. „Im Herzen von Berlin stehen Genuss und Gespräch im Mittelpunkt“, heißt es da etwa auf den Einladungskarten.

          Umsatzrückgang bei einem Rauchverbot in Gaststätten

          Der Arbeitgeber von Andrea Winkhardt vertritt in der Hauptstadt die Interessen der sieben deutschen Tabakunternehmen Philip Morris, British American Tobacco Germany, Reemtsma Cigarettenfabrik, Gallaher, JT International Germany, der Tabak- und Cigarettenfabrik Heintz van Landewyck und der Joh. Wilh. von Eicken GmbH. Zusammen gut 9000 Mitarbeiter beschäftigten diese sieben Unternehmen im Jahr 2005 und machten dabei einen Umsatz von 19,5 Milliarden Euro (wovon 12,5 Milliarden Euro an Tabaksteuer abgeführt werden mussten).

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