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Zigarettenlobby : „Tabak bringt die Menschen zusammen“

  • -Aktualisiert am

Wurden 2002 noch 145,1 Milliarden Stück Zigaretten verkauft, waren es parallel zum stufenweisen Anstieg der Tabaksteuer im Jahr 2005 nur noch 95,8 Milliarden. Auch der Umsatz der Tabakunternehmen fiel wegen der drastischen Preiserhöhungen für Zigaretten in nur drei Jahren um fast zwei Milliarden Euro.

Ein weiterer Umsatzrückgang droht der Tabakindustrie, wenn es in Deutschland zu einem generellen Rauchverbot in Gaststätten kommt. In den vergangenen Wochen und Monaten stand die Schwäbin mit dem flinken Mundwerk deshalb vor der größten Herausforderung ihrer Karriere als VDC-Sprecherin.

„Hier wird Wert auf Konsens und Freiwilligkeit gelegt“

Anders als in früheren klassischen Rauchernationen wie Frankreich oder Italien soll nach dem Willen des VDC in Deutschland kein generelles Rauchverbot in Gaststätten verhängt werden. „Deutschland hat eine andere Tradition. Es ist ein Land, in dem sich die Bürger ungern etwas verbieten lassen. Hier wird Wert auf Konsens und Freiwilligkeit gelegt“, bemerkt Frau Winkhardts Chef, VDC-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Hainer, über das bisherige Nein der Politik gegen ein umfassendes öffentliches Rauchverbot.

In der Tat hat es die Zigarettenbranche in Deutschland bis jetzt weitaus besser als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern oder gar den Vereinigten Staaten, dem Land des rauchenden Cowboys. Während anderswo ohne jahrelange Debatten und mit großen parlamentarischen Mehrheiten aus Gründen der Volksgesundheit strikte Rauchverbote in Krankenhäusern, Bahnhöfen, Büros und Gaststätten verhängt wurden, ist in Deutschland auch zur Überraschung der Tabakindustrie erst im vergangenen Sommer zum ersten Mal eine ernsthafte Diskussion über ein Nichtraucherschutzgesetz in Gang gekommen.

„Wir haben Personen nie beeinflusst“

Seitdem befindet sich der VDC in einer Abwehrschlacht, in der sich der Verband vor allem mit gesellschaftspolitischen Argumenten gegen ein Rauchverbot in Gaststätten wehrt. „Der VDC hat sich früh zu dem Risiko seines Produkts bekannt. Aber wir sind gegen eine gesellschaftliche Ausgrenzung der Raucher“, sagt Hainer.

Den immer wieder erhobenen Vorwurf, der VDC habe mit finanziellen Zuwendungen an Wissenschaftler und Mediziner jahrelang für verharmlosende Gutachten und Studien zur Wirkung des Tabakkonsums gesorgt, weist Hainer empört zurück: „Wir haben diese Personen nie beeinflusst. Das waren absolut offene Verträge, die Wissenschaftler waren völlig frei in ihren Publikationen. Unser einziges Ziel war der wissenschaftlich faire Umgang mit dem Thema Rauchen.“

Der Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung des VDC, Wolf-Dieter Heller, sagt, dass es eine Vielzahl von Studien über einen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und erhöhter Sterblichkeit unter Nichtrauchern gebe, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. „Wir haben deshalb die Diskussion darüber eingestellt, weil es sowieso immer heißt, unsere Daten seien manipuliert.“

Nicht geklärt, wie die Liste in den Beratungsraum kam

Immerhin vorgedrungen mit seinen Argumenten gegen ein Rauchverbot in allen Gaststätten ist der VDC Ende September 2006 bei der ersten Sitzung der Koalitionsarbeitsgruppe zum Thema Nichtraucherschutz. Dort kursierten die Vorschläge des VDC zum Nichtraucherschutz als Diskussionsgrundlage zwischen SPD und Union.

In dem Papier ohne VDC-Briefkopf, über das die Gesundheitspolitiker und Parlamentarischen Geschäftsführer der Koalitionsfraktionen berieten, wird zwar ein generelles Rauchverbot in Krankenhäusern, Behörden und Schulen empfohlen. Für Bahnhöfe und Fernzüge werden indes Raucherzonen vorgeschlagen. Und nur für Restaurants mit einer Fläche von mindestens 75 Quadratmetern sollte es nach diesen Vorschlägen ein Rauchverbot geben, „bei gleichzeitiger Möglichkeit der Schaffung von gesonderten, ausgewiesenen Bereichen für Raucher“.

In Bars und Diskotheken, wo die Schadstoff- und Feinstaubbelastung durch Tabakrauch besonders hoch ist, soll es gar dem Betreiber überlassen werden, ob es dort ein Rauchverbot gibt. Als bekannt wurde, dass die Arbeitsgruppe anhand eines VDC-Positionspapiers beraten hatte, bezichtigten sich SPD und Union gegenseitig, die Fotokopien mit den Vorschlägen der Zigarettenindustrie in die Runde mitgebracht zu haben. Entrüstet bestritten beide Seiten, dass das Papier Grundlage der Beratung gewesen sei. Bis heute ist nicht geklärt, auf welchem Weg die Vorschlagsliste des VDC in den Beratungsraum kam.

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