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Wanderarbeit in Deutschland : Muss ja irgendwie gehen

  • -Aktualisiert am

Ostdeutsche Kleinstadt statt westdeutsche Metropole: die Handwerker hängen an ihrem Zuhause Bild: Pilar, Daniel

Jede Woche verlassen Handwerker aus dem Osten ihre Familie um zu arbeiten. Tagelang wohnen sie in Pensionen in westdeutschen Großstädten. Ihre Heimat wollen sie für den Beruf trotzdem nicht verlassen.

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          Für eine Stunde erwacht Lenzen am frühen Morgen zum Leben. Die Vögel haben noch nicht zu zwitschern begonnen, da ratschen die Rollläden, Lichter gehen an, flüchtige Küsse, Autos fahren los. Dann wird es wieder still in Lenzen. Alle sind sie fort, der Maurer, die Sparkassenangestellte, die Schulkinder. Und die größte Sorge der paar Rentner, die zurückgeblieben sind: dass es jetzt in Lenzen brennen könnte. Denn dann wäre niemand da, die Flammen zu löschen. All die Jungen, Starken, Arbeitsamen sind nämlich unterwegs – nach Wittenberge oder Dannenberg, die größeren Städte in der Umgebung. Die meisten sind aber auf der Bundesstraße 5 und fahren Richtung Westen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Fast jeden Montagmorgen gehört auch Christian Tiedke dazu. Um vier Uhr steht er auf, allein, seine Frau kann noch liegen bleiben. Tiedke steigt in seine schwarze Zimmermannshose, dazu das weiße T-Shirt, die Sicherheitsschuhe. Dann schmiert er sich ein paar Brote, Butter, Schinken und Ei, füllt den Kaffee in die Thermoskanne und greift nach seiner Baseballkappe. Niemand wünscht ihm eine gute Fahrt. Tiedke stellt seine Tasche auf den Beifahrersitz, sieht im Rückspiegel langsam sein Haus kleiner werden. Die maroden Dachziegel hat er erneuert, neuen Estrich verlegt. Bald würde wieder die Bank abbuchen. Dafür nahm er das alles in Kauf.

          Grün, ruhig und teuer – Hamburgs Umgebung zieht Handwerker an

          Im Hof warten seine drei Kollegen. Auch alles Zimmerleute. Sie müssen los, um sieben Uhr wollen sie auf der Baustelle in Hamburg sein. Ihre Frauen und Kinder sehen sie erst in vier Tagen wieder, wenn sie sich in der Autokarawane wieder nach Osten schieben, wie es so viele Handwerker aus der Region machen. Für kurze Zeit kommt dann wieder etwas Leben nach Lenzen.

          Denn die nächste Fahrt in den Westen ist schon geplant. Wenn sich Tiedke und seine Zimmermannskollegen am Freitag ausruhen, sitzt Guido Karius über Architektenskizzen und Statikplänen. Die Auftragsbücher seines Unternehmens Löcknitzbau sind gut gefüllt – nur kommt kaum ein Bauherr, der bei Karius ein Haus in Auftrag gibt, aus Lenzen, der Region oder überhaupt aus Brandenburg.

          Karius’ Kunden investieren ihr Geld fast nur in Hamburg oder den umliegenden Orten, anderthalb Autostunden von Lenzen entfernt, wo es grün, ruhig und teuer ist. Vergangenes Jahr war Karius’ Belegschaft fast das gesamte Jahr über unterwegs. Für den Unternehmer ist das grundsätzlich nicht schlecht, für seine 15 Mitarbeiter auch nicht, schließlich haben sie Arbeit. Aber die ständige Pendelei, sagt Karius, würde er seinen Männern gerne ersparen.

          Pizza und Stullen an Arbeitstagen – Entbehrungen in der Pension

          Er hat schon sein ganzes Leben hier in Lenzen verbracht, wie die meisten seiner Mitarbeiter auch. Die Menschen hier sind treu – ihrem Ort und ihrer Arbeit, wobei froh sein muss, wer überhaupt eine hat. Die Gegend um Lenzen in Brandenburg ist strukturschwach, man kann auch arm dazu sagen. Die, die noch da sind, werden oft zu Wanderarbeitern. Sie pendeln täglich mit dem Auto, denn die Bahn schickt schon lange keine Züge mehr nach Lenzen. Oder sie bleiben, wie Zimmermann Tiedke, gleich für mehrere Tage dort, wo ihre Arbeit ist. Das mag unkompliziert sein. Angenehm ist es nicht.

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