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Zentralrat der Roma : „Die Pandemie orientiert sich nicht an der Abstammung“

Unter Quarantäne: Gebäudekomplex in Göttingen Bild: dpa

Zuletzt kam es etwa in Göttingen zu Corona-Ausbrüchen in Roma-Familien: Romani Rose vom Zentralrat deutscher Sinti und Roma warnt davor, das Virus in Verbindung mit Abstammung zu bringen. Den Fehler habe man vor Jahrhunderten schon bei der Pest gemacht.

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          Zwei große Corona-Infektionsherde in Göttingen, einer in Berlin, einer in Magdeburg. Das Corona-Virus scheint sich gegenwärtig überproportional unter Roma in Deutschland zu verbreiten. Wie erklären Sie sich das?

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Frage stellt sich so nicht. Es gibt in Deutschland aktuell etwas über 190000 registrierte Corona-Fälle, in Berlin allein knapp 8000 Fälle, bei denen sich niemand für die Abstammung der Infizierten interessiert. In dem betroffenen Gebäude an der Harzer Straße in Berlin-Neukölln gibt es knapp 100 erwiesene Corona-Fälle. Warum spielt man also diese Fälle hoch? Wenn man Corona zu einer Pandemie macht, deren Verbreitung gezielt Roma zugeschrieben wird, dann wird damit soziale Sprengstoff produziert. Ich halte das vor dem Hintergrund unserer Geschichte für sehr gefährlich.

          Für Berlin mag das zutreffen. In Göttingen und in Magdeburg machen die Corona-Fälle unter Roma gegenwärtig durchaus einen großen Teil der Gesamtinfektionen aus.

          Die Pandemie orientiert sich nicht an der Abstammung. Die Hygieneregeln müssen von jedem einzelnen eingehalten werden. Wer das nicht tut, der muss behördlicherseits belangt werden.

          Romani Rose ist Vorsitzender des deutschen Zentralrates der Sinti und Roma.
          Romani Rose ist Vorsitzender des deutschen Zentralrates der Sinti und Roma. : Bild: dpa

          In den Medienberichten ist teils von Rumänen oder rumänischen Staatsbürgern die Rede, teils von Roma. Welche Bezeichnung halten Sie für angemessen?

          Die Menschen sind Staatsbürger des Landes, in dem sie seit vielen Generationen leben. Nur die Nazis haben die Staatsangehörigkeit von Juden, Sinti und Roma nicht mehr anerkannt. Man darf solchen Entwicklungen nicht zuerst die Munition liefern und hinterher die Trauernden spielen. Vorurteile werden durch eine Berichterstattung geschürt, die nichts mit der Realität zu tun hat.

          Bezüglich der Cluster in Göttingen und in Magdeburg berichten die Behörden von Schwierigkeiten, die verhängte Quarantäne durchzusetzen. In Göttingen gab es auch massive Übergriffe auf die Polizei. Können Sie nachvollziehen, dass es darüber Unmut gibt?

          Ich verstehe das. Dieses Verhalten kann nicht toleriert werden. Ich kann aber nicht nachvollziehen, was das mit der Minderheit der Roma zu tun haben soll. Die desolate Situation in den verschiedenen Göttinger Häusern ist seit Jahren der Stadt bekannt. Jetzt werden in dieser Situation negativ und positiv getestete Familien unter unzumutbaren Bedingungen zusammen unter Quarantäne gestellt – mit dem Risiko, dass alle Familien dem Virus ausgesetzt werden. Wer die Abstammung zur Grundlage einer negativen Berichterstattung macht, hat aus der Geschichte nichts gelernt und trägt für mögliche Übergriffe auf Minderheiten die Verantwortung.

          Sind von den Corona-Ausbrüchen in der Fleischindustrie nach Ihren Erkenntnissen auch viele Roma betroffen?

          Es gibt aus gutem Grund keine gesonderte Zählung von Roma, die in vielen Bereichen in Deutschland Arbeiten verrichten, für die keine einheimischen Kräfte sich finden. Wir wissen, dass es eine große Zahl von Roma aus allen Ländern Südosteuropas gibt, die in der Fleischindustrie, aber auch in der Landwirtschaft in Deutschland als Saisonarbeiter oder als Leiharbeiter unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten. Oft genug werden sie über Subunternehmen angestellt, die sie unter dem in Deutschland geltenden Mindestlöhnen bezahlen, sie leben in überbelegten Unterkünften ohne hinreichenden Abstand und generell miserablen Bedingungen. Es sind diese sozialen Bedingungen, die die Verbreitung des Virus ermöglichen, nicht die Abstammung. Verantwortlich sind die Unternehmen, die aus blankem Profitinteresse die minimalen Bedingungen in Deutschland für Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz ihrer Arbeiter umgehen.

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