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Zentralrat der Muslime : Leitkulturdebatte nicht an Äußerlichkeiten festmachen

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Aiman Mazyek in Berlin bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Gemeinsam gegen Rassismus“ Bild: dpa

Bundesinnenminister de Maiziére hat mit zehn Thesen zur Leitkultur für Aufsehen gesorgt. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, fordert in der F.A.Z. den Abschied von romantisierenden Vorbildern der Vergangenheit.

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          In die Debatte über eine deutsche Leitkultur hat sich der Zentralrat der Muslime eingeschaltet. Dessen Vorsitzender Aiman Mazyek schreibt in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Samstagausgabe), er habe keine Probleme damit, über Leitkultur zu debattieren. Diese solle man aber nicht an Äußerlichkeiten festmachen. Es tue beispielsweise nichts zur Sache, ob ein Fußballer wie Mesut Özil die Nationalhymne mitsinge. Wichtiger sei es, die Bedeutung von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu verstehen.

          Die Diskussion dürfe nicht dazu führen, dass eine „deutsche Vergangenheit, die es so nie gegeben hat“, als romantisches Vorbild gesehen werde. So etwas führe zu einer gefährlichen „Ausgrenzungssemantik“. Mazyek erinnerte an Beethovens Ode an die Freude. Der Text von Friedrich Schiller rufe zu Brüderlichkeit auf. „Eines Freundes Freund zu sein, das ist der große Wurf, das wäre erstrebenswerte Leitkultur“, so der Zentralratsvorsitzende in der F.A.Z.

          Mehr dazu in der F.A.Z. vom 06.05.2017. Am Vorabend schon in der F.A.Z. -App und als E-Paper.

          Das Forum der Migrantinnen und Migranten, das sich im Paritätischen Wohlfahrtsverband zusammengefunden hat, kritisierte am Freitag Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in einem offenen Brief. Seine Thesen seien eher geeignet „die Gesellschaft zu spalten als zusammenzuführen“, heißt es darin. Unterstützung für de Maizière kam indes vom früheren Bundespräsidenten Christian Wulff.

          Laut einer Umfrage im Auftrag der Zeitschrift „Focus“ hat der Innenminister auch Rückendeckung in der Bevölkerung für die von ihm angestoßene Debatte. Demnach stimmen 52,5 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass Deutschland eine Leitkultur braucht. Ein Viertel (25,3 Prozent) sprach sich dagegen aus. Der Rest war unschlüssig oder machte in der Umfrage, für die das Meinungsforschungsinstitut Insa den Angaben zufolge 1.000 Personen befragt hat, keine Angaben.

          Mit seinen zehn Thesen zu einer deutschen Leitkultur und dem darin enthaltenen provokanten Satz „Wir sind nicht Burka“ hatte de Maizière eine kontroverse Debatte ausgelöst. Auf Kritik stieß vor allem auch die Nutzung des Wortes „Leitkultur“, weil viele darunter eine konservative Abgrenzung gegen Neues verstehen.

          Wulff sprach sich hingegen im „Focus“ für eine „freiheitlich-demokratische Leitkultur“ aus, deren Grundpfeiler sich im Grundgesetz ausdrückten. Zur Kritik am Begriff „Leitkultur“ schrieb er in seinem Gastbeitrag, viele Menschen, gerade auch Kulturschaffende, wehrten sich durchaus nachvollziehbar gegen den Begriff, weil sie Freiheit nutzen, Grenzen überschreiten und Avantgarde sein wollten. „Sie dürfen aber nicht übersehen, dass gerade ihre Freiheit überall dort bedroht ist, wo Grundregeln des Zusammenlebens negiert werden“, sagte er.

          Die Migrantenorganisationen warnen in ihrem Brief hingegen, jeder Versuch, eine Leitkultur einseitig festzuschreiben, führe zu einer Spaltung in „wir“ und „ihr“. Die Inhalte, die de Maizière als Bestandteil einer deutschen Leitkultur festlege, beschrieben zudem nur Äußerlichkeiten. Es seien nicht ein Händedruck oder die Kleidung, auf die es ankomme, sondern Werte wie Respekt, Offenheit und Wertschätzung von Vielfalt, die ein gesellschaftliches Zusammenleben ermöglichten.

          Rückendeckung erhielt de Maizière von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der die Leitkultur-Debatte für wichtig hält und christliche Traditionen betonte. „Es muss nicht jeder einen Christbaum aufstellen. Aber verstehen und akzeptieren, dass der Jahresrhythmus bei uns von christlichen Feiertagen geprägt ist, das darf man schon verlangen“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“ (Freitagausgabe).

          Der evangelische Bischof der Landeskirche in Hannover, Ralf Meister, warb dafür, religiöse Vielfalt zuzulassen, ohne deshalb Eigenarten zu verleugnen. Für die evangelische Kirche sei die Mitgestaltung der religiösen Vielfalt ein Gebot. Er verwies auf das 2005 gegründete „Haus der Religionen“, eine gemeinsame Initiative von Christen, Juden, Muslimen, Hindus, Buddhisten und Angehörigen der Bahai-Religion.

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