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Zehn Jahre nach Rücktritt : Lafontaines Feldzug

  • -Aktualisiert am

Der Saar-Napoleon: Bei einer Kappensitzung in Püttlingen Bild: dpa

Im März 1999, kurz vor Beginn des Kosovo-Krieges, trat Oskar Lafontaine als SPD-Vorsitzender und Finanzminister zurück. Zehn Jahre später werfen ihm Kritiker vor, die Linkspartei auf einen deutschen Sonderweg einzuschwören.

          Selbst politisch Gleichgesinnte waren nicht eingeweiht. „Wie bitte? Zurückgetreten? Da muss ich sofort die Christa anrufen“, rief der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel am Nachmittag des 11. März 1999 entsetzt ins Telefon.

          Kurz zuvor waren die Eilmeldungen über den Rücktritt Oskar Lafontaines als Finanzminister und SPD-Vorsitzender über den Ticker gelaufen, der rot-grünen Regierung Bundeskanzler Gerhard Schröders und Außenminister Joschka Fischers drohte das Aus. Allein Christa Müller durfte sich über künftig tatkräftigere Unterstützung ihres Mannes bei der Betreuung von Sohn Carl Maurice freuen.

          Wiedergeburt als Antimilitarist

          Wichtige Weggefährten Lafontaines aber wie Hickel, Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen, waren fassungslos: Keine sechs Monate nach dem Wahlsieg von Rot-Grün konnten sie ihre Hoffnung auf einen keynesianischen Frühling, von Lafontaine geweckt, wieder begraben.

          Privatmann: Oskar Lafontaine zwei Tage nach seinem Rücktritt mit Sohn Carl-Maurice in Saarbrücken

          Und am Horizont lauerte der Kosovo-Krieg - ein schon vor dem rot-grünen Amtsantritt im Oktober 1998 absehbarer Waffengang, dem Lafontaine als Parteichef und Mitglied der Bundesregierung öffentlich nie widersprochen hat. Im Rückblick liefert er die Folie für Lafontaines Neuerfindung als nunmehr pazifistischer Vorsitzender der deutschen Antikriegspartei, der 2007 gegründeten Linkspartei.

          So dürfte Lafontaines verbalradikale Wiedergeburt als resoluter Antimilitarist wesentlich damit zu tun haben, dass er sich im März 1999, zwei Wochen vor Beginn des ersten Krieges unter deutscher Beteiligung nach Ende des Zweiten Weltkrieges, einfach davonschlich: „Als der Angriff begann, war ich erleichtert, dass ich der Regierung nicht mehr angehörte“, schrieb er selbst ein halbes Jahr nachdem er seine Ämter niedergelegt hatte in „Das Herz schlägt links“.

          Langes Schweigen über den drohenden Waffengang

          Zugleich gestand der heutige Linke-Chef ein, dass es „problematisch“ sei, „im Nachhinein zu sagen, wie man sich im Fall des Falles entschieden hätte“. Zudem habe er sich „in den ersten Tagen des Krieges Vorwürfe“ gemacht, „dass ich aus falsch verstandener Loyalität den drohenden Kosovo-Krieg in der SPD nicht früher thematisiert hatte“.

          Noch als am Tag nach Kriegsbeginn sieben SPD-Bundestagsabgeordnete in einer Erklärung, die mit „Bomben lindern keine Katastrophen“ überschrieben war, gegen die Nato-Angriffe protestierten, hielt es Lafontaine aber nicht für nötig, sich zu engagieren. Erst knapp sechs Wochen später verurteilte er zum ersten Mal öffentlich das Vorgehen der Nato.

          Der Rest ist Verklärung: „Aber angesichts der Tatsache, dass ich ohnehin fest entschlossen war zurückzutreten, wird man es mir abnehmen, dass ich den Kriegseintritt unter diesen Bedingungen ebenfalls zum Anlass eines Rücktritts genommen hätte“, schreibt Lafontaine in „Das Herz schlägt links“ umständlich. Weder in dem Kapitel, das dem Rücktritt gewidmet ist, noch in einem ARD-Interview drei Tage nach Niederlegung seiner Ämter taucht der drohende Kosovo-Krieg als Erklärung auf.

          Eingeweiht in Clintons Pläne

          „Der Kriegsgegner Lafontaine hat sich zwei Monate nach seinem Rücktritt auf dem Marktplatz von Saarbrücken auf der 1.-Mai-Kundgebung offenbart“, sagt Jürgen Trittin, der als Umweltminister mit Lafontaine in Bonn am Kabinettstisch saß. Kritische Äußerungen zum bevorstehenden Angriff auf das Jugoslawien Slobodan Milosevics habe er nicht von Lafontaine vernommen.

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