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Zehn Jahre nach Rücktritt : Lafontaines Feldzug

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Und das, obwohl Lafontaine nach dem Antrittsbesuch Schröders und Fischers in Washington im Oktober 1998 eingeweiht worden sei in die Militärpläne, die Präsident Bill Clinton gegen das Milosevic-Regime hegte. „Es war noch nicht von Krieg die Rede, aber die Möglichkeit war da: In dem Wissen darum hat Lafontaine den Koalitionsvertrag unterschrieben“, sagt Trittin.

Auch Fischer schreibt in seinem Buch „Die rot-grünen Jahre“, dass es „für den mächtigsten Mann der SPD mehr als genug“ Gelegenheiten gegeben habe, gegen den heraufziehenden Krieg zu protestieren - doch dazu sei es nie gekommen: „Oskar Lafontaines angebliche Opposition gegen die Kosovo-Politik der Bundesregierung hat es, zumindest für mich wahrnehmbar, niemals gegeben.“

Schily und Wieczorek-Zeul waren skeptisch

Anders, so Fischer, sei das bei Otto Schily gewesen, der „seine tiefe Skepsis immer wieder artikuliert“ habe. Auch die SPD-Linke Heidemarie Wieczorek-Zeul, als Entwicklungsministerin bei den entscheidenden Beratungen über das Vorgehen gegen Milosevic im Kabinett dabei, kann sich nicht erinnern, dass der bevorstehende Angriff auf Jugoslawien ihrem Parteichef, wie von diesem später kolportiert, besondere Sorgen bereitet habe.

Im Gegenteil. Mit den Worten „Wenn die europäische Sozialdemokratie in den Krieg gegen einen Tyrannen zieht, wird die deutsche Sozialdemokratie nicht abseits stehen“ habe Lafontaine bei einer Kabinettssitzung auf eine rasche Entscheidung gedrungen, erinnert sich ein damals anwesender Minister. Missmut gegen den Kurs des Kanzlers habe Lafontaine selbst in der SPD-Fraktion nicht geäußert, sagt auch deren damaliger außenpolitischer Sprecher, Karsten Voigt: „Hätte er Widerstand gegen den Kosovo-Krieg organisieren wollen, hätte er Schröder und Fischer das Leben sehr schwer machen können“.

Warnung vor neuem Nationalismus

„Antimilitaristische Neigungen“ will Voigt seinem langjährigen innerparteilichen Gegner gar nicht absprechen. Was ihn politisch irritiert, ist Lafontaines Kampf „für eine linke Variante des Nationalen“ - sei es bei der Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der Nato, der Klage gegen den EU-Vertrag oder beim Einsatz für einen Rückzug deutscher Truppen aus Afghanistan. Lafontaine, so Voigt, merke „in seinem Populismus gar nicht, wie sehr er mit dieser Politik bei unseren Nachbarn faktisch eine Sonderrolle Deutschlands beansprucht“.

Ähnlich sieht das Lafontaines alter Kabinettskollege Trittin, der ein Bündnis mit der Linkspartei auf Bundesebene prinzipiell nicht ausschließt. „Er kann damit eigentlich nur punkten in Milieus, in denen heute die Gauweilers und Scholl-Latours aktiv sind.“

Doch die Kritik an Lafontaine bleibt nicht auf alte Weggefährten beschränkt, auch innerhalb der Linkspartei rumort es. So warnte der Linke-Europaparlamentarier André Brie seine Genossen vergangene Woche auf dem Parteitag in Essen davor, „in eine Sehnsucht nach dem Nationalstaat zurückzufallen“. Bei aller berechtigten Kritik am Lissabon-Vertrag dürfe die Partei „auf keinen Fall in Nationalismus“ eine Lösung suchen, sagte der nach zehn Jahren im Brüsseler Parlament nicht wieder Nominierte. Lafontaine wiegelte die Kritik elegant ab: „Hier gibt es keine Europa-Feinde auf dem Parteitag.“

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