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Zapfenstreich für Christian Wulff : Im Land der Munchkins

Over the Rainbow: Judy Garland in „The Wizard of Oz“ Bild: Davids

Dem Zauberer vom Bellevue wurde der Vorhang weggezogen. Nun sollten Stillosigkeit und Winkeladvokatentum aber nicht mit gleicher Münze zurückgezahlt werden. Freigebigkeit im Symbolischen wie im Materiellen beschämt im Fall Wulff jedenfalls nicht den Staat.

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          Das ganz große Kino des deutschen Staatszeremoniells, den Großen Zapfenstreich, hat sich noch kaum ein ehemaliger Amtsträger entgehen lassen, dem er zustand - Gustav Heinemann, der zum Abschied von der Villa Hammerschmidt lieber den Rhein befuhr, war auch schon im Dienst in mancher Hinsicht die Ausnahme von der Regel gewesen.

          Doch die Berührungsängste zu Stahlhelm- und Fackelträgern haben nachgelassen - wozu womöglich auch das Wunschkonzert beitrug, mit dem vor allem Politiker gerne ein letztes Deutungszeichen für ihre Amtszeit setzen. Der Haifisch im Berliner Karpfenteich, Schröder, schied (natürlich) zur Moritat von Mackie Messer und zu Frank Sinatras „I did it my way“. Guttenberg erhob, nicht ganz ohne Selbstironie, mit „Smoke on the water“ den Anspruch, der allerletzte Rock’n’Roller der deutschen Politik gewesen zu sein. Und Wulff?

          Er suchte sich „Over the Rainbow“ aus dem Kinderfilm „Wizard of Oz“ aus, ein Lied, das von wahr werdenden Träumen jenseits des Regenbogens erzählt, schmelzenden Sorgen und blauen Vögeln. Zumindest jedes amerikanische Kind weiß, dass der Zauberer von Oz ein netter Mann war, das von ihm geschaffene Bild des großen und mächtigen Magiers aber nichts als eine Illusion: Schaut nicht hinter den Vorhang!

          „Wizard of Oz“: Der Zauberer geht von Bord

          Auch Wulff wollte ein anderes, weit besseres Bild von sich und seinem politischen Wirken hinterlassen als das Sittengemälde, das immer noch die Gemüter erregt. Er hat die Konsequenzen aus dem missratenen Versuch des Aufstiegs in die Meisterklasse ziehen und das höchste Amt niederlegen müssen.

          Nun sollten Politik und Öffentlichkeit nicht der Versuchung erliegen, Stillosigkeit und Winkeladvokatentum mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Wulff hätte aus eigenem Entschluss auf „Ehrensold“ und Zapfenstreich verzichten können. Er tat es nicht. Seine Entscheidung entbindet den Staat und die Politik aber nicht von der Pflicht, sich selbst an die Gebote der Würde im Umgang mit einem ehemaligen Bundespräsidenten zu halten. Freigebigkeit im Materiellen wie im Symbolischen beschämt in diesem Fall jedenfalls nicht den Staat. Das mögen auch jene Politiker bedenken, die laut wie die Munchkins im „Wizard of Oz“ ihre Teilnahme am Zapfenstreich abgesagt haben, obwohl (oder weil?) sie gar nicht eingeladen waren. Wie sagt im Hollywood-Märchen die Vogelscheuche zu Dorothy: Manche Leute ohne Hirn reden ziemlich viel.

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