https://www.faz.net/-gpf-9tqfo

Curio kandidiert für Vorsitz : Der Youtube-Star der AfD

Ein begabter, auch demagogischer Redner: Gottfried Curio Bild: dpa

Eigentlich wollte Alexander Gauland den Parteivorsitz abgeben, der Sachse Tino Chrupalla sollte folgen. Nun torpediert ein anderer diesen Plan.

          3 Min.

          Gottfried Curio hat alles durcheinandergebracht. Der Berliner Bundestagsabgeordnete hat kurz vor dem Bundesparteitag der AfD am nächsten Wochenende in Braunschweig überraschend seine Kandidatur für den Parteivorsitz angekündigt – und damit für die Nachfolge von Alexander Gauland. Der 78 Jahre alte Parteichef, der auch die Bundestagsfraktion führt, will sein Amt abgeben und soll in Braunschweig Ehrenvorsitzender der AfD werden. Nur hat er sich für diesen Stabwechsel einen ganz anderen Nachfolger ausgeguckt: den Bundestagsabgeordneten Tino Chrupalla. Der Handwerksmeister aus Sachsen soll den zuletzt so erfolgreichen Osten in der AfD-Führung repräsentieren und zugleich dazu beitragen, dass die Partei ein möglichst bürgerliches Gesicht zeigt. Denn Chrupalla gehört nicht zu der radikalen rechtsnationalistischen AfD-Strömung „Der Flügel“, die im Osten dominiert. Dessen Führungsfiguren Björn Höcke und Andreas Kalbitz wären als Bundesvorsitzende der Mehrheit der westlichen AfD-Landesverbände nicht vermittelbar. Im „Flügel“ ist Chrupalla dennoch gut gelitten. Er soll deshalb die integrierende Figur sein, die den Osten vertritt, von den gemäßigteren Kräften im Westen aber akzeptiert wird.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Diesen Plan, von Gauland befürwortet, stellt die Kandidatur Curios nun in Frage. Der 59 Jahre alte innenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion ist ein begabter und auch demagogischer Redner. Bei vielen AfD-Mitgliedern ist er überaus beliebt, vor allem durch die Verbreitung seiner Reden in den sozialen Medien: Curio gilt als der Youtube-Star der AfD. Auf einem Parteitag könnte er, so die Einschätzung in der AfD-Spitze, die Delegierten mitreißen, die „Seele der Partei“ streicheln, um ein Gauland-Wort zu zitieren. So könnte er Chrupalla gefährlich werden. Viele in der AfD erinnert die Situation an den Bundesparteitag in Hannover vor zwei Jahren. Damals war die AfD-Politikerin Doris von Sayn-Wittgenstein beinahe zur Vorsitzenden gewählt worden – ihr fehlte nur eine einzige Stimme. Entgegen seiner eigentlichen Absicht trat Gauland damals noch einmal an, um sie als Vorsitzende zu verhindern. Sayn-Wittgenstein ist mittlerweile wegen Holocaust-Leugnung aus der AfD ausgeschlossen worden. Gauland hat wegen dieser Erfahrung es nicht völlig ausgeschlossen, dass er doch noch einmal in Braunschweig kandidiert.

          Curio könnte sich hinsichtlich seiner Herkunft durchaus bürgerlich nennen. Er ist ein promovierter und habilitierter Physiker, hat zudem ein Studium der Musik abgeschlossen, war nach eigenen Angaben als Kirchenmusiker, Chorleiter, Organist und Komponist tätig. Im Bundestag hat er, wie zuvor schon im Berliner Abgeordnetenhaus, vor allem durch seine scharfmacherischen Reden zur Migrationspolitik für Aufsehen gesorgt. Vollverschleierte Musliminnen nannte er einen „schwarzen Sack, ein Sack, der spricht“. Masseneinwanderung sei auch „Messereinwanderung“, sagte er an anderer Stelle, oder der „zur Regel entartete Doppelpass“ untergrabe die Demokratie. Curios Reden haben mit solchen Äußerungen zum Teil sechsstellige Aufrufzahlen in den sozialen Medien erreicht.

          In der Bundestagsfraktion ist Curio aber zuletzt bei den Vorstandswahlen im September gescheitert. Seine Eigenbewerbung als dritter stellvertretender Fraktionsvorsitzender endete mit einer Niederlage gegen Beatrix von Storch. Eine weitere Kandidatur als fünfter von fünf Stellvertretern verlor er gegen den Abgeordneten Sebastian Münzenmaier. Die Gründe dafür sind im täglichen Umgang der Abgeordneten mit Curio zu suchen. Er gilt in der Fraktion als Einzelgänger, als „einsamer Wolf“, der sich anders als seine Konkurrenten nicht um Absprachen und die Macht sichernde Netzwerke bemüht. Für eine integrierende Tätigkeit als Bundesvorsitzender halten ihn deshalb viele für ungeeignet. Auch in der Außendarstellung der Partei ist er – außerhalb seiner Reden – bisher kaum präsent, für Journalisten ist er kaum zu sprechen. Für die Delegierten des Parteitags könnten allerdings solche Überlegungen eine untergeordnete Rolle spielen, wenn Curio eine flammende Rede hält.

          Meuthen kandidiert wieder

          Im Unterschied zu dem Berliner ist der 44 Jahre alte Sachse Chrupalla bisher kaum als talentierter Redner aufgefallen. Zweifel daran, ob er den Anforderungen als Vorsitzender gerecht wird, gibt es auch in der Bundestagsfraktion, in der er sich etwa durch die Verantwortung für Finanzfragen einen guten Ruf erarbeitet hat. Entscheidend für Chrupalla ist, dass Gauland sich für ihn stark macht. Ein genau gleiches Szenario wie vor zwei Jahren in Braunschweig wird es allerdings nicht geben. Denn Gauland will die AfD nicht bis zum Parteitag im Unklaren lassen, ob er noch einmal antritt – zumal das aus satzungsrechtlichen Gründen nicht möglich wäre. Deswegen soll schon an diesem Dienstag geklärt werden, wie stark der Rückhalt für Chrupalla ist. Wenn es ein Risiko gibt, dass er gegen Curio scheitert, dann will Gauland seine abermalige Kandidatur erklären. „Meine Entscheidung darüber werde ich im Laufe der Woche treffen“, sagte er der F.A.Z.

          Gauland würde gegebenenfalls für den Posten des zweiten Bundessprechers, wie der Vorsitzende in der AfD heißt, antreten. Als erster Sprecher kandidiert wieder Jörg Meuthen. Gegen ihn will die Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst antreten, die vom „Flügel“ unterstützt wird. Ihr werden kaum Chancen ausgerechnet, doch könnte sie dafür sorgen, dass Meuthen ein schwaches Ergebnis bekommt. Für den zweiten Sprecherposten hat sich zudem Dana Guth aus Niedersachsen beworben. Sie ist im Osten aufgewachsen, kann auf den Frauenbonus zählen, hat aber auch viele Gegner in der Partei. Fest steht bisher nur: Vom „gärigen Haufen“, wie Gauland die Partei nannte, sind wieder Überraschungen zu erwarten.

          Weitere Themen

          „Wir haben keinen Staat“ Video-Seite öffnen

          In Beirut wächst die Wut : „Wir haben keinen Staat“

          Das Ausgehviertel von Beirut ist durch die Explosionen im nahe gelegenen Hafen schwer beschädigt worden. Viele Freiwillige sind gekommen, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Sie haben den Glauben an einen funktionierenden Staat verloren.

          Topmeldungen

          Am Donnerstag befasste sich der hessische Landtag mit der mutmaßlichen Korruptionsaffäre bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. (Archivbild)

          Oberstaatsanwalt im Verdacht : War der Korruptionsjäger selbst korrupt?

          Hessens Justizministerin reagiert auf die Korruptionsaffäre bei der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Der Leiter jener Stelle, die gegen Korruption im Gesundheitswesen kämpfte, soll „die Seiten gewechselt“ haben. Jetzt wird die Einheit aufgelöst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.