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„Wunschdenken“ : Sarrazins Holzhammer

Sarrazin bei der Vorstellung seines Buches „Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung - warum Politik so häufig scheitert“ Bild: dpa

Der streitbare SPD-Politiker geht wie viele andere Buchautoren der Frage nach: Warum scheitern Politiker so häufig? Die Antwort könnte ganz einfach sein: Weil sie keine Buchautoren sind.

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          Es gibt Bücher, bei denen es sich lohnt, erst einmal abzuwarten, bevor man sich ein Urteil erlaubt, um zu sehen, wie es um die Halbwertzeit steht. Besonders dann, wenn es sich um ein Buch wie das von Thilo Sarrazin handelt, der das „Wunschdenken“ in der Politik untersucht und zeigen will, „warum Politik so häufig scheitert“. Vor vier Monaten kam es heraus, und seither wurde schon wieder ganz schön häufig gescheitert. Brexit, Türkei, Syrien, Terrorismus, Olympia - und so fort. Wunschdenken, wohin man blickt. Scheitern, so weit das Auge reicht. Insofern: Respekt! Wer hätte zeigen wollen, warum Politik so häufig Erfolg hat, wäre mit seinem Buch sicher auf die Nase gefallen. Aber wäre es deshalb schlechter geworden?

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Erst recht fragt man sich das, wenn es um die Themen geht, die sich Sarrazin ausgewählt hat. Den Erfolg des Euros darstellen? Die Blüten des deutschen Bildungssystems? Die deutsche Demographie? Gab es dazu jemals Bücher, die dem Lehrsatz der Literaturkritik folgen: Verrisse schreiben ist ein Kinderspiel, aber loben, das will gekonnt sein?

          Sarrazin lobt zwar durchaus, aber meist sich selbst. Drum herum das nackte Scheitern. Wie man überhaupt am Ende dieses Buches vor lauter Fehlern, die gemacht werden, vor lauter offenkundiger Dummheit, die in Deutschland und Europa herrscht, vor lauter Verfall, Schlechtwetter, Jammertal und Sarkasmus ein wenig deprimiert ist und für den Rest seines Lebens eigentlich nur noch Asterix-Hefte lesen möchte. Sarrazin sollte in seinem nächsten Buch wenigstens ein bisschen mehr Humor einbauen.

          Vor allem, wenn es um sein Steckenpferd geht, die Erblichkeit. Wir erinnern uns: Vor sechs Jahren legte Sarrazin ein Buch vor, in dem er darin den Grund sah, dass Deutschland sich abschaffe - weil zu viele intelligente Deutsche nicht intelligent genug sind, Kinder haben zu wollen, und zu viele nicht ganz so intelligente Ausländer immerhin so intelligent sind, zu viele, aber leider nicht ganz so intelligente Kinder zu bekommen. Auch in diesem Buch treibt ihn die Frage wieder um, ob Intelligenz nun vererbt wird oder nicht. Zu einem Exkurs in die ethnologische Hirnforschung kommt es nicht, aber es ist doch alle zwanzig Seiten zu spüren, wie wichtig Sarrazin das Thema ist, so wichtig, dass man meinen könnte, er brauche die Gewissheit biologischer Gesetze, um die großen Linien der Politik mit naturwissenschaftlicher Präzision begründen zu können und scheinbar unwiderlegbar zu machen.

          Wunschdenken, nur negativ?

          Der Leser möge sich das so erklären: Sarrazin ist SPD-Politiker. Ein idealtypischer CDU-Politiker hätte dazu tendiert, sich bei aller Wissenschaftlichkeit, Planbarkeit und Machbarkeit das Restrisiko des Irrtums einzugestehen. Irren ist schließlich menschlich, und deshalb schützt selbst die größte Intelligenz vor politischer Dummheit nicht. Da kommt dann der Humor ins Spiel. Ohne ihn ist das alles (und die Bücher darüber) nämlich kaum zu ertragen, ganz besonders nicht für intelligente Menschen.

          Nicht zum Lachen ist sicherlich einer der Schwerpunkte des Buches, die Einwanderungspolitik, die Flüchtlingskrise, das Asylrecht. Obwohl die Angriffsfläche deutscher Politik hier besonders groß ist, bringt es Sarrazin fertig, über das Ziel hinauszuschießen. Sein schärfstes Argument besteht darin, „Rechtsbrüche“ der Bundesregierung zu geißeln. Aber wo die liegen sollen, kann er nicht begründen. Hat es sie überhaupt gegeben?*) Aufschlussreich für die Interessen Sarrazins ist eine Tabelle, die mit dem mathematischen Holzhammer zeigen soll, dass in Deutschland, wenn es so weiterginge wie im Jahr 2015, bald weniger Deutsche als Ausländer leben. Aber geht es so weiter? Nicht erst im April dieses Jahres hätte man wissen können: sicher nicht. Sarrazin gibt das auch zu. Aber warum dann die Tabelle? Wunschdenken, nur negativ?

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