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Wulffs Hausbank : "Nur in Härtefällen"

  • -Aktualisiert am

Bei der BW-Bank „stehen Sie als Kunde immer im Mittelpunkt“ Bild: dapd

Bei der BW-Bank gibt es Kunden wie Christian Wulff, und es gibt solche wie Jutta. Auch sie nahm dort einen Immobilienkredit auf. Und lernte die weniger zuvorkommende Seite der Bank kennen.

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          In der Mitte der Gesellschaft, da, wo Jutta ist, wird einem nichts geschenkt. Sie weiß das, seit ihr Mann Frank gestorben ist. Im März 2010 erlag er nach langem Kampf mit 47 dem Krebs. Das Leben hatte ihre Pläne ungültig gestempelt. Sie stand allein mit der zwölf Jahre alten Tochter und den Schulden, die auf ihrer Eigentumswohnung lasteten.

          Eigentlich hatte sie geglaubt, dass diese leidige Sache mit dem Kredit in ihr zur Ruhe gekommen wäre. Die Wohnung ist inzwischen abgezahlt. Jutta hätte es fast verdrängt. Bis sie in der Zeitung von Bundespräsident Christian Wulff las, mit dem eine wie sie nicht viel verbindet außer ein Hauskredit beim gleichen Institut.

          Die Baden-Württembergische Bank. "Bei unserer Beratung stehen Sie als Kunde immer im Mittelpunkt", heißt es auf der Website. "Gemeinsam entwickeln wir ein ganz auf Ihre persönlichen Wünsche und Ziele abgestimmtes Lösungskonzept." Das mag für Bundespräsidenten gelten, für einfache Verkäuferinnen wie Jutta gilt das wohl eher nicht. "Ich hätte mir damals in meiner Lage auch eine zuvorkommende Behandlung gewünscht", sagt sie.

          Manchmal trifft es unerwartet die Arglosen. Arglose wie Jutta und ihre Familie, die an eine Zukunft glaubten und jeden Monat pünktlich ihre Raten für das schwäbische Bürgerwohnglück überwiesen. Das Darlehen hatten sie im Oktober 1998 für ihre Eigentumswohnung in Bietigheim bei der BW-Bank aufgenommen. Sie zahlten 4,77 Prozent Zinsen wie die Müllers und die Maiers und die Schulzes auch.

          Frank war bei der Berufsfeuerwehr, Jutta kümmerte sich zu Hause um die Tochter und arbeitete nebenbei als Verkäuferin, um die Haushaltskasse aufzubessern. Irgendwann im Jahr 2007 spürte Frank eine Entzündung im Mund, die nicht heilte. Er ging zum Zahnarzt. Als es nicht besser wurde, suchte er einen Kieferorthopäden auf. Im Frühjahr 2008 kam die Diagnose: Zungenkrebs. Frank unterzog sich Chemotherapien und Bestrahlungen. Der Feuerwehrmann kämpfte, war über Monate krankgeschrieben.

          Im Oktober 2008 lief die Zinsbindung für den Wohnungskredit aus. Jutta vereinbarte einen Termin mit einem Kundenbetreuer der BW-Bank, den sie allerdings wieder absagen musste, weil es ihrem Mann schlechtging. Irgendwann saß sie allein vor dem Banker, um über die Zinskonditionen für den neuen Vertrag zu verhandeln. "Der Berater wusste, dass mein Mann schwerkrank war", sagt sie. Die Bank bestreitet das.

          Je mehr Geld, desto durstiger wird man

          Für Arthur Schopenhauer, den deutschen Philosophen, gleicht Geld dem Seewasser. Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Der Durst einer Bank hängt für gewöhnlich vom Kapitalmarkt ab, von den gebotenen Sicherheiten und, wie man jetzt weiß, auch davon, ob man gerade Bundespräsident ist oder nicht. Im Fall von Jutta dauerte es jedenfalls bis zum Abschluss des Geldgeschäfts deutlich länger. Im Januar 2009 unterzeichneten sie und ihr Mann ihren neuen Vertrag über ein Darlehen, dessen Zinsen bei einer Laufzeit bis 2018 auf 4,88 Prozent festgeschrieben wurden und sich damit in ganz anderen Kategorien bewegten als die Wulffschen Zinskonditionen von 0,9 bis 2,1 Prozent.

          "Es war der Bank damals bekannt, dass mein Mann nur noch eine begrenzte Lebenserwartung hatte", sagt Jutta. "Er konnte an diesem Tag zwar die Unterschrift leisten, eine Unterhaltung mit ihm war aber nur noch eingeschränkt möglich." Ein Jahr später starb Frank an den Folgen seiner Krankheit. Zur Trauer über den Verlust des Partners kamen für die Hinterbliebenen finanzielle Sorgen. Jutta hatte durch ihren Nebenjob nur bescheidene Einkünfte. Für die Wohnung waren noch mehr als 100.000 Euro offen. Die Raten mussten bezahlt, die Kosten für die Beisetzung aufgebracht werden. Das Konto wurde überzogen, bis die abgeschlossene Risikolebensversicherung insgesamt 123.000 Euro überwies. Mit dem Geld wollte die Witwe möglichst schnell das Darlehen ablösen, um durch die monatlichen Raten nicht länger belastet zu sein.

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